Pressespiegel

Allgemeine Zeitung der Lüneburger Heide - 23.09.2020

Große Welt in kleinen Texten

Hans-Helmut Decker-Voigt ist seit 40 Jahren Kolumnist der AZ

von Norman Reuter


Allenbostel/Uelzen - Er schreibt vor allem nachts in seinem Haus in Allenbostel. Findet er in der Natur einen Baumstumpf, der sich für eine Rast eignet, zückt Hans-Helmut Decker-Voigt auch bei dieser Gelegenheit Stift und Papier. Es entstehen seine „Gedanken zu heute“. Seit 40 Jahren ist Hans-Helmut Decker-Voigt nun Kolumnist für die Allgemeine Zeitung der Lüneburger Heide. In der Zeitungswelt wird man Vergleichbares nur schwerlich finden.

In seinen „Dienstjahren“ hat Hans-Helmut Decker-Voigt mehr als 1400 Folgen seiner Kolumne verfasst. Das sind so viele, dass sie neun Aktenordner füllen. „All die Jahre, all die Texte - ich kann es gar nicht glauben“, ist von Decker-Voigt zu hören.

Jede Folge ist für sich genommen ein kleines Kunstwerk, zusammen genommen erzählen sie Geschichte. Der Kolumnist erinnert sich: Mauerfall in Deutschland. Eine Fahrt mit dem Auto in Richtung Hamburg und soweit das Auge reicht, sind Trabis auf der Straße zu sehen. Heruntergelassene Fenster, Feststimmung. „Die Menschen brüllten vor Freude. Wir auch. Am Lenkrad habe ich Tränen vergossen.“

Solche Momente hält er in seiner Kolumne fest: Er spricht so große Themen an, „eingepackt in winzigen Szenen“. Das Abfassen der Texte in vier Jahrzehnten ist im Rückblick auch ein Stück Geschichte. Die ersten Folgen ab September 1980 tippt er noch mit „seiner“ Erica, einer Schreibmaschine. Technische Errungenschaften wie das Fax und Internet machen es leichter - oder auch nicht.

Seit 40 Jahren AZ-Kolumnist: Hans-Helmut Decker-Voigt. Seine Texte aus all den Jahren füllen Aktenordner, foto nre

Als Wissenschaftler ist Hans-Helmut Decker-Voigt viel unterwegs. Kolumnen entstehen „auf allen Kontinenten“. Und er bittet so machen um Übersendungshilfe, wenn kein Internet „greifbar“ ist und der Abgabetermin näher rückt: In Japan ist es ein Getreidegroßhändler, in Dänemark die Polizei. Der erste Satz stets: „Ich habe ein Problem.“

Eine neue Folge erscheint immer dienstags, im Zwei-Wochen-Rhythmus. Auf den Kolumnisten ist Verlass. Als ein Feuer in seinem Wohnhaus in Allenbostel ausbricht, bei dem Hans-Helmut Decker-Voigt verletzt wird, erreichen weitere Folgen seiner Kolumne die Redaktion. Er hat auf Vorrat geschrieben. Und später diktiert er seiner Ehefrau Christine Sätze, ehe er selbst wieder tippen kann. Überhaupt: Christine, so sagt der heute 75-Jährige, sei seine Beraterin, wenn er Gewagtes in seine Kolumne hineingeschrieben habe.
Was die Wochen nach dem Brand zeigen, ist, dass sich Hans-Helmut Decker-Voigt nicht von Krankenhausbetten beeindrucken lässt. Er bringt viele Jahre in solchen zu. Als Kind leidet er an Kinderlähmung, später an Tuberkulose. Am Krankenbett wird ihm vorgelesen und es wird musiziert. Heute ist er Musiktherapeut, Literat und Kolumnist.
Es ist ein Kindheits-Erlebnis, das ihn auch zu jenen kleinen Werken führt. Im Alter von fünf Jahren fasziniert ihn ein Abreißkalender mit kurzen Texten des Schriftstellers Johann-Peter Hebel; jeder Tag hält neue Sätze bereit -„das will ich auch machen“, sagt der Junge.
Als Student verfasst er erste Kolumnen für die Schwäbische Zeitung. Täglich hat er zu liefern, und kann sich vom Honorar ein erstes Auto leisten - einen „klapprigen dunkelblauen 190er Mercedes“, mit dem die Welt erkundet wird.
Es ist der frühere Chefredakteur Gunter Beuershausen, der Decker-Voigt fragt, ob er nicht Lust habe, für die AZ eine Kolumne zu schreiben. Der Rest ist 40-jährige Geschichte. Zum Jubiläum entstand nun im Verlag C. Beckers unter dem Titel „Immer dienstags“ ein Band mit Kolumnen-Texten aus den vier Jahrzehnten. Er wird heute vorgestellt.
Folgen seiner Kolumne hat er in Vorlesungen einfließen lassen. Sie fanden auch Berücksichtigung in Publikationen. Und da ist dieses kleine Erlebnis: Decker-Voigt trifft jüngst eine 84-Jährige bei der Physiotherapie, die ihn als AZ-Kolumnist erkennt. Ein Ausschnitt aus der Zeitung mit einer Kolumnen-Folge von ihm, die er vor gut drei Jahrzehnten verfasste, hänge bis heute bei ihr in der Küche, erzählt sie. Er gibt unumwunden zu: „Das berührt einen.“