Kirchenasyl

Friederikes Hund ist ein vornehmer. Ein English Springer Spaniel. Im Gegensatz zu manchen Dorfkötern ist er nicht nur vornehm, sondern auch eine Spur langweilig. Diese Außenwirkung trifft man nicht selten bei überzogener Vornehmheit.

Mit Enno geht sie morgens, mittags, abends raus, auch jetzt im Urlaub in Untermühlegg, welches – der Name deutet es an – im tiefsten Bayern liegt.

Auf ihrem Wege liegen die kleine Kirche und dahinter ein Hof. Vor dem Hof liegen Bulldoggen auf der Lauer nach Beweglichem. Natürlich angeleint.

An diesem Morgen sind die beiden Bulldoggen nicht angeleint und stürmen los beim Anblick von Friederikes Enno, dem English Springer Spaniel. 

Zu sehr betonter Adel, hier provoziert durch Enno, führt letztlich immer zu gesellschaftlichen Verwerfungen.

Noch während des Wettlaufs der beiden Doggen auf Enno zu eilt Friederike mit Enno an der Leine in das Kirchlein, schließt die schwere Tür und wartet. Nachdem das Schnüffeln der beiden Doggen vor der Kirchentür leiser wird, schlüpft sie ohne Enno aus der Kirche und machte sich auf die Suche nach den Besitzern der Doggen.

Hier breche ich die Kerngeschichte ab, weil es mir um eine Pointe auf der Meta-Ebene des Vorbewussten geht. 

Denn: Friederike ist ansonsten keine Kirchgängerin, aber in Notsituationen hilft eben keineswegs das Bewusstsein allein, sondern nur in Verbindung mit Vorbewusstem und Unbewusstem. Und da meldet sich „Kirche“ auch den Unfrömmsten als Garantie dafür, in Nöten nicht abgewiesen zu werden. 

Friederike gehört gar nicht zu den Unfrömmsten. Ihre Vorfahren residierten meist in Pfarrhäusern zu Lob und Frommen den Frommen.

Ihr Unbewusstes ließ sie also die Not für ihren Edel-Köter erkennen und die Kirche kurzerhand als sichere Hundehütte unter hochspirituellem Dach nutzen.

Allein mit den beiden Doggen außerhalb der Kirche fand sie dann deren Besitzer, die ihre Hunde wieder anleinten mit einem anschließenden netten Plausch.

Sowas kann jedem Hundesitzer passieren, aber es sollte in Bayern sein, wo die meisten Kirchen ganzjährig geöffnet haben. Eben katholisch.

Mich beschäftigt die Phantasie, wie das Gesicht von Hochwürden ausgesehen hätte, wenn dieser von der Pfarrhausseite in seine Kirche geschritten und dort Enno vorgefunden hätte. Schweifwedelnd vor dem Altar stehend.

18. August 2026