Die Urne
Da stand sie – die Urne. Vor ihr verneigten sich auch diejenigen mit kurzer Verbeugung, die ihre Überraschung nur mit Mühe verbargen. Denn je näher man der Urne in den üblicherweise gemessenen Schritten kam, desto bunter wurde sie.
Die Urne war von der Verstorbenen selbst bemalt worden. Zur Kapellenmitte überwog Blau-weiß, nach hinten kam noch Buntes. Auf dem Bunten stand noch Geschriebenes, aber wessen Neugier geht schon so weit, dass er um eine Urne im Chorraum herumgeht, während die Trauergesellschaft zusieht.
Sie war Professorin unserer Hochschule gewesen. Für alle Mitglieder in unserem Senat war sie in ihrem beruflichen Leben eine Garantie dafür, dass der Verlauf einer Sitzung nie langatmig wurde. Denn auch in einem Senat könnte es durchaus langweilig werden.
Die lebende Kollegin, nennen wir sie hier einmal Frau Professorin Hirt, saß dem Präsidium diametral gegenüber und diametral andere Meinungen äußerte sie auch zu dem, was ihr gegenüber am präsidialen Tisch gesprochen wurde. Sie war grundsätzlich gegenteiliger Meinung. Das war die eine Garantie für spannende Sitzungsverläufe.
Eine andere war eben der Kult der Überraschung: Als es um eine besonders kritische Haushaltsberatung ging (Kürzungen für alle Fachbereiche), stand Frau Hirt auf, hielt ein Poster hoch, zeigte es im Kreis umher und begann mit diesem Poster zu – tanzen. Keinerlei Wunder, denn sie war zuständig für rhythmisch- musikalische Bewegung. Weshalb sie immer Hosen trug.. Ein professioneller, origineller Tanz, der auf den Vieren von Frau Hirt am Boden endete. Auf dem Poster stand „Ohne Geld keine Kultur“.
Weitere Garantien der Vitalisierung von Sitzungen durch Frau Hirt waren die Berichte, die bekanntlich immer erfolgen müssen. In jedem Kegelclub, in jedem Kirchenvorstand, in jeder Ausschusssitzung oder Vollversammlung. Egal wer berichtete oder ergänzte: Frau Hirt hob den Arm.
Da dieses Signal des Armhebens auf die Dauer der Sitzungsjahre immer schwächer wirkte und die Situation sich häufte, in der Frau Hirt sich übergangen fühlte, griff Frau Kollegin zur stärkeren Waffe, um gehört zu werden. Sie hob beide Arme. Das Zeichen für „Antrag auf Geschäftsordnung“, was bedeutet, es muss unterbrochen werden, was auch gerade dran sein mochte.
Frau Hirt hat manche von uns an den Rand des Wahnsinns getrieben.
Nun ist sie verstorben. Das Präsidium hat sie in einer Sitzung gewürdigt und manche von uns trauern ehrlich um sie. Denn jetzt würden sie garantiert wieder langatmig.. Die Sitzungen ohne Frau Hirt.
Sieht man von der bunten Urne ab, gab es bei Frau Hirts Beerdigung keinerlei Überraschung. Ich hätte viel drum gegeben, das Geschriebene auf der Rückseite zu lesen, aber keiner traute sich.
09. Juni 2026