Kosmetik für Herren

Jawohl, ich gehe zu einer. Zu einer Kosmetikerin.

Sie badet immer noch aus, was ich meiner Haut in einem brennenden Weihnachtszimmer wegen einer übersehenen Kerze zumutete. Solche Weihnachtsbaum-Traumata haben den Vorteil, dass man ganzjährig an jenes Weihnachtsfest denkt.

Ich denke an das weihnachtliche Flammenmeer bei jeder Kerze, die in der Familie zu einem Kindergeburtstag gezündet wird. Bei jeder Kerze, die in einem Restaurant das festliche Zusammensein noch festlicher sein lässt. Wie jetzt zu Pfingsten geschehen, wo die Kerze mit der Sonne konkurrierte.

Natürlich sind bei uns inzwischen die natürlichen Flammen durch elektrische ersetzt wurden.

Zurück zu meiner Kosmetikerin. Ihr Beruf wurde auch in der Vorlesung von Prof. Lakebrink in Freiburg erwähnt. Bei ihm lernten wir, dass Friseure, Masseure, Maniküre-Spezialisten, Bader (Zahn- und Gesichtspflege), kurz „Visagisten“, hohe Privilegien bei Hofe genossen.

Wenn Fürsten und Könige ins Feld zogen und Scharmützel oder gleich Kriege anstellten, nahmen sie den Tross derer mit, die an ihren edlen Körper ran durften, ran sollten, ran mussten. Darunter dann die Feldscher, also Heilkundige, die direkt im Getümmel der Gewaltausübung Linderung und Heilung versuchten.

Albrecht von Wallenstein war kein König. Er war Generalissimus der katholischen Seite im 30jährigen Krieg und extrem auf Körperpflege bedacht. Sowas durfte ich bei dem Historiker Prof. Golo Mann, für mich einer der besten Geschichtserzähler (nicht Geschichtenerzähler,) im kleinen Kreis lernen. Anlässlich von Wallenstein streifte auch Golo Mann das Thema Sauberkeit, Infektion, also Gesundheit. Wehe wenn die in Armeen vernachlässigt wurde. Seuchen, Tod und Niederlage waren die Folge.

Schlagen wir den Bogen zurück zu heutiger Kosmetik und der Frage, ob Männer in der Kosmetik Kunden, Klienten oder Patienten sind. Oder alles zusammen. Wie ich.

Meine Kosmetikerin rückt nicht damit raus, wie viele oder gar welche Männer sonst noch Kunden bei ihr sind. Aber sie hat welche. Männer gestehen solch Kundschaft öffentlich nicht so ein. Schon gar nicht, wenn sie achtzig sind. Oder drüber. Wie ich. 

26. Mai 2026