Jugendsünde
Er ist heute mit Ruhm und Ehre überschüttet. Überschattet aber war er als Jugendlicher auch. Wegen eines schwereren Vergehens gegen das Pietätgefühl reifer Erwachsener.. Gestern erzählte er sie uns, seine Sünde, der frühere Oberbürgermeister einer unserer beiden Nachbarstädte:
Zusammen mit dem Sohn des Bestattungsumternehmers Niemann war Martin in einer erfolgreichen Handballmannschaft unserer Schule. Voraussetzung dafür ist ja, neben der Ballkunst, um die 1,90m (ein Meter neunzig) lang zu sein. Jetzt war die Mannschaft in Wolfsburg zu einem Turnier eingeladen.
Unmittelbar vor der Abfahrt machte ein PKW schlapp. Total. Es war der PKW, mit dem Herr Niemann seinen Sohn und seine Mitspieler nach Wolfsburg fahren wollte. In der Not schnappte sich Herr Niemann den Schlüssel zum Leichenwagen seiner Firma und die acht Jugendlichen quetschten sich rein. Halb sitzend, halb liegend oder beides. Der Leichenwagen kam der Länge der Spieler sehr entgegen, weil Leichenwagen hohe Särge auf Sockel transportieren.
Die Öffentlichkeit kriegt in der Regel nicht mit, womit ein Leichenwagen gefüllt ist. Aber die Straßenpassanten in Celle und Wolfsburg und zwischendurch in Gifhorn kriegten einen kaum heilbaren Schrecken. Denn die Jugendlichen taten, was Jugendliche halt so machen: Immer wieder den Vorhang im Leichenwagen beiseite zu ziehen und Fratzen zu schneiden. Und sehr lebendig zu winken.
`Vorhang auf, Vorhang zu` wurde ein Spiel der acht – und sie wechselten sich ab im Fratzenschneiden wie in einem Kasperle-Theater. Vater Niemann am Steuer kriegte nichts davon mit.
Hingegen die Straßenpassanten und andere Verkehrsteilnehmer, die den pietätvoll langsam fahrenden Leichenwagen scheu und respektvoll mit den Blicken streiften, trugen einen der gewaltigsten Schrecken ihres Lebens davon. Die Leiche war auferstanden, grinste und winkte. Und dies in Gestalt verschiedener Personen..
Die Geschichte wird heute noch von einem erzählt, der solche Fratzen mitschnitt und die Bevölkerung schockierte. Natürlich war und ist der Erzähler auch 1,90m lang, aber das besondere ist: Er wurde beruflich überraschend seriös und trat in die Stapfen seines Papas. Der war schon unser Generalstaatsanwalt.
Martin setzte sich für Recht und Gesetz ein, wurde Staatssekretär, dann Oberbürgermeister seiner Heimatstadt und vielfach geehrt. Im Westen durch Frankreich z.B. durch den Ritterschlag vom französischen Orden pour le merite, im Osten durch den höchsten polnischen Staatsorden. Im Süden und Norden ging es mit den Ehrungen weiter.
Als OB fuhr er in Nachfolge des Leichenwagens von damals in seinem Dienstwagen durch die Stadt und Lande. Auch tiefschwarz. Wie der Leichenwagen.
Heute steht ein Audi vor seiner Garage. Ganz bescheiden. Wie er selbst es auch blieb.
12. Mai 2026