Pia

Pia heißt die Neue in meiner Ebstorfer Bank. Sie meldete sich anstelle meines Filialleiters, obwohl ich dessen Durchwahl gewählt hatte.

Pias Stimme ist sympathisch. Eher herzlich als freundlich. Eine, bei deren Stimme ich jetzt schon Vorfreude fühle, sie beim nächsten Präsenz-Besuch an der Rezeption persönlich kennenzulernen. Freundlich sind sie dort alle. Aber Pias Stimme verspricht Warmherzigkeit.

Pias Stimm-Eigenschaften (fachlich: Prosodie) rühren von der Übersetzung ihres Namens. Pia ist die weibliche Form von Pius und wer so heißt, muss eben auch so sein: Warmherzig, sympathisch, usw.. Früher wurde das mit „fromm“ zusammengefasst.

Doch Pia sagte dann: „Trauen Sie sich ruhig, mit mir zu sprechen.“

Wer sowas sagt, sät Unsicherheit. Wozu möge man sich „trauen“? Miss-Trauen taucht auf.

Die Falle, in die ich bei meiner sonst ja höchst vertrauenswürdigen Bank getappt war: Pia ist die digitale Stimme meiner Bank am Telefon. Nichts mit der Hoffnung auf Pias Fleisch und Blut zur Stimme.

„Die Zukunft ist digital“. Das warnte die Zeitschrift meiner Gewerkschaft (Verdi, Untergruppe Schriftsteller) schon vor längerem. Ich fasste es als Warnung auf. Wahrscheinlich war es schlicht sachlich gemeint.

Aber was mit Stimme und damit Stimmung zusammenhängt, ist nie nur auf Sache hin zu prüfen, sondern auch emotional.

Natürlich bietet Pia an, mich mit einem Mitarbeiter zu verbinden. Seit dem Gendern auch im öffentlichen Bereich werden zuerst die Mitarbeiterinnen genannt. Und es sind auch (meistens) Frauen an der Rezeption meiner Bank. Doch auch die Männer dahinter in ihren Arbeitsräumen sind transparent: Ihre Türen sind aus Glas.

Die Zukunft ist digital? Dann will ich die letzten Zeiten genießen, in denen hinter Thresen und Türen noch Menschen sind. Eines Tages wird es Pias auch hinter der Rezeption geben.

17. Februar 2026