Kukuk
KuK heißt eine Chiropraxis im fernen Celle, KuKuk heißt der Kulturverein im nahen Wettenbostel. Mit dem Kinderruf „Kuckuck“ lockte mich Christine eben dahin. Nach Wettenbostel.
Ausgerechnet in die anderthalb Stunden eines Stummfilms. Stummfilm! Wo ich fast mein ganzes langes Leben Wörtern widme. Geschriebenen und gesprochenen.
Zwei Musiker glichen die beredte Stummheit im Film mit Saxophon u.a. Blasbarem sowie Schlagzeug mehr als aus, weil sie die Darstellungskunst Bewegung vom legendären Harold Lloyd, Zeitgenosse Charlie Chaplins, begleiteten. Mal hauchdünne Zartheit in kleinsten Gesten, mal mit halsbrechender Kletterkunst an Wolkenkratzern. In Bild und Tonschwingungen.
Anderthalb Stunden Sprachlosigkeit belehrten mich, wie sprachgewaltig der Menschen sein kann, wenn er etwas schweigend macht. Unser menschliches Bewegungsrepertoire von Kopf bis Fußspitze wird überhaupt dann erst deutlich, wenn wir auf Worte verzichten.
Heftig Liebende wissen davon und Trauernde auch.
Und umgekehrt: Wie in heftigem Streit entstehende längere Sprechpausen den Zorn noch steigern oder auch die Fortsetzung des Streits sinnlos erscheinen lassen. Und man/frau im Lachanfall endet.
Der Stummfilm in Wettenbostel motivierte zum Nachmachen.
Wie, wenn wir spät abends beschließen, vom Aufwachen am nächsten Tag bis zum Einschlafen auch auf Sprache zu verzichten, um unsere gestische Sprache zu sensibilisieren?
Das geht natürlich nur an einem Tag, wo wir sonst keinen Menschen sehen. Nicht mal den Postboten, der höchst erstaunt wäre, wenn wir ihm begegnen und – nichts sagen. Einfach nichts. Gar nichts.
Wir haben es probiert. Es ging zwei Stunden und 8 Minuten gut. Bzw. ging es schlecht und schlechter, weil keine verlässliche Absprache getroffen werden konnte. Gestisch ließ sich noch verabreden, wer Tischdecken würde, wer Kartoffeln schälen und wie das gemeinsame Speisen schmeckte. Aber um zu klären, dass man den Autoschlüssel suche – dauerte über zwei Minuten Missverstehen. Und das Thema der Erziehung der Enkel durch die Kinder geht gar nicht ohne Sprache.
Wir fielen uns beim Dammbruch mit dem Stummsein in die Arme – und schwiegen uns vor Erleichterung an.
Wir sind keine Stummfilm-Stars. Deshalb analysierten wir die Schweigezeit über eine Stunde lang. Mit vielen Worten.
03. Februar 2026