Osterspazier-Gangarten

Die vielleicht bekannteste Gangart der hiesigen Menschen zu Ostern, das Spazieren nämlich, beschreibt Dr. Faust in einem Monolog mit dem Titel „Vor dem Tore“. Bzw. sein Dichter Goethe beschreibt dies und erst später wurde „der“ Osterspaziergang daraus. Kleine Erinnerung?

„Vom Eise befreit sind Strom und Bäche…“

Ein traumhaft schöner Frühling. Damals. 1808. Nachzulesen bei Dr. Google.  Und nachzumachen auch jetzt. Nach Ostern.

Irre dagegen ist die Gangart zu Ostern 2021, zu der der MDR Thüringen nach Stadtilm in Thüringen eingeladen hatte. Bis Palmsonntag wurde im Netz für den „Osterspaziergang 21“ von 9-12 Uhr eingeladen. Es wurden Reiseunternehmen mit Bussen und privat autofahrende Osterspazierer vorsorglich auf entsprechende Parkplätze verwiesen, Bahnreisenden für ihre Ankunft Empfehlungen gegeben, Händler zum Handeln aufgefordert…Höhepunkt nach dem Spazieren: Große Marktplatzshow.

Die Hoffnung starb im MDR und der Stadtregierung Stadtilm später als bei allen anderen; Im Netz war diese Einladung zu Ostern noch Palmsonntag zu lesen, als die Bundesregierung Ostern nur als häusliches Fest und BILD es bereits als gestorben ohne jede Auferstehungshoffnung ausgaben.

Trauten die Thüringer ihrer Osterspazier-Gangart eine hypnotische Wirkung zu, so dass die frischen Erlasse verdrängt wurden?

„Aus dem hohen, finstern Tor

Dringt ein buntes Gewimmel hervor (...)“

Es wird in einer Redaktionsstube des MDR und in Stadtilms Stadtregierung wohl so gewesen sein: Die planten während des Weihnachtslockdowns das Oster-Event als Licht am Ende des Tunnels. Und vergaßen dann, ihre Großwerbung im Netz für den 5. April zu löschen. Ganz kurz vor Ostern dann werden die ersten Anfragen in Stadtilm zum Osterspaziergang 21 eingeschlagen haben wie Silvesterböller: Gibt’s Würstchen und Bier am Wegesrand? Toiletten? Gibt’s Maskenfreiheit?

Die Redakteure im MDR und die Stadtväter und –mütter werden den Osterspaziergang hastig kurz vor Ostern gelöscht haben. Aber zu spät: Es kamen Etliche nach Stadtilm, bei denen die Hoffnung erst vor Ort starb. 

Wir Nichtstädter auf dem Lande hingegen leben die Gangart Goethes lange vor und noch länger nach Ostern.

„Sieh nur, sieh! Wie behend sich die Menge

Durch die Gärten und Felder zerschlägt (…)“

Den Osterspaziergang 21 gab`s nicht in Stadtilm. Aber hier. Auf dem Lande. Für den, der will: Ganzjährig.

06. April 2021

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