Hans-Helmut Decker-Voigt, Eröffnungsvortrag für die Tagung von DGMT, BVM, NoRo in Berlin, 21./22. April 07

 

Zusammenkommen – Zusammenwachsen

- bis dass der Tod uns scheidet?

 

 

Natürlich komme ich hierher mit Erfahrungen, mit Erinnerungen als Mitglied einer Gruppe, als Vorstands – oder Präsidiumsmitglied einer solchen, als Mit-Begründer derselben usw. usf. Ich komme mit Erfahrungen und Erinnerungen

auch an die Gründung einer Gruppierung, die zwei verschiedene Gruppen gemeinsam repräsentiert, Erfahrungen an Fusionen, an feindliche Übernahmen und an Symbiotisches im Verbandsleben. Und ich komme mit Erfahrungen mit dem Gegenteil von Symbiosen, denjenigen Konfrontationen, die gerade in  euphorisch-symbiotisch startenden Gruppenlegierungen disponiert warten. Und oft in Frontationen, also neuerlicher Auflösung, enden.

 

Eben wegen solcher Reichtümer an Erfahrungen mit Erfahrungen beginne ich erst mal mit dem Ausschnitt eines Gebetes der Hl. Theresia von Avila, das mir psychoanalytisch wie religiös gesehen natürlich gänzlich un-zu-fällig bei der Vorbereitung auf diese Stunde mit Ihnen zu-fiel. Die Hl. Theresia von Avila betete es:

 

Bewahre mich vor der Einbildung

zu jedem Thema immer etwas sehr Wichtiges sagen zu können.

Erlöse mich von meiner großen Leidenschaft,

die Angelegenheiten anderer ordnen zu wollen,

Bei meiner ungeheuren Ansammlung von Weisheit

erscheint es mir ja schade, meine Erfahrungen

nicht ständig weiterzugeben,

Die Erfahrungen nahmen mein ganzes Leben zu

und die Lust, sie zu beschreiben, wächst von Jahr zu Jahr.

bremse mich, Herr, aber Du verstehst:

hier und da möchte ich es Freunden gegenüber dennoch tun.

 

 

 

Also meine Mitbringsel für unser Treffen heute:

 

 

 

 

 

1)     Fangen wir mit dem lieben, alten Carl Spitzweg an und zwar zunächst etwas simpel, wozu manche idyllischen Spitzweg-Motive vordergründig auch einladen. Da streiten sich also zwei…eine normale Phase nach sicher vorangegangener Neugier aufeinander, Freude aneinander und dann  Sehnsucht nach gemeinsamem Leben auf engerem Raum - sonst wären sie nicht so nah zueinander gezogen.

 

-         Geben wir der mehr oder unterschwelligen Reibungsfläche oder Konkurrenz oder Profilierung von DGMT und BVM in den Jahrzehnten und  letzten Jahren einmal eine der beiden Positionen. Je nach Ihrer Sichtweise können Sie der DGMT, weil älter, größer, medienerfahrener, vernetzter usw. den Platz an der Sonne geben. Und dem BVM den im Schatten, der für den Sieg bei Kämpfen natürlich aussichtsreicher ist.

 

-         Dann haben wir – zunächst einmal - das Bild zweier Personen. Einer Dyade.

 

Personen sind es, von deren Neugier aufeinander (bzw. von deren Realitätsnähe, man könne nun mal die bessere Politik für die jeweils eigene Gruppe nicht ohne den anderen ersinnen und durchsetzen), die Verbandsgründungen abhängen,

Deren Profil ist dann in Anfängen meist mit dem Profil der Gründungsmütter und –väter verbunden. Manchmal identisch.

 

Bei DGMT nenne ich Johannes Th.Eschen (der übrigens ein absolutes Vorbild ist hinsichtlich Vorgängerfunktion, weil er mir seine wahrlich reichen Erfahrungen nie hinterhertrug, sondern nur auf Anfrage abrufbar bereit hielt).

Beim BVM bzw. deren Vorgängerinstitution nenne ich Gertrud Katja Loos. Die NoRo-Fördervereins-Geschichte kenne ich nicht.

 

DGMT und BVM bzw. Vorläufer kannten beide die Voraussetzung für erfolgreiche Gruppenpolitik zugunsten übergeordneter Ziele: Sich nur dann konstruktiv aus einandersetzen zu können, wenn sie sich zusammen-setzen. Auch wenns schwer fiel.

 

Gründer haben einen zunächst getrennten Weg hinter sich, um ihr Profil zu schärfen. Gründer damals und Gründer heute haben – ich bemühe die heutige sozialwissenschaftliche Forschung und Annelise Heigl-Evers oder Klaus Hurrelmann – Gemeinsames und dies Gemeinsame hat sich in der Sicht der Persönlichkeitstheorien und der Gruppendynamik als Teil der Sozialpsychologie seit 1960 (Miles) nicht drastisch verändert.

 

Die Profilentwicklung des Individuums, jedes aus seiner Gruppe heraus, läuft in etwa so ab:

 

 

 

Nach diesen Entwicklungsphasen des Individuums schauen wir uns die Entwicklungsphasen einer Gruppe an, die – das wissen wir seit der psychoanalytisch-psychosozialen Forschung der 60 Jahre durch Bion & Co. – im ersten Grad verwandt ist mit denen des Individuums. Ich wählte ein Quellen-Denkmodell von Miles, weil sich darin n.m.M. die meisten der damaligen und heutigen Denkmodelle (von H.E. Richter über Schulz von Thun bis zu Hurrelmann u.a.) treffen:

 

 

 

 

Krisen entstehen dadurch, dass natürlich nie auch nur zwei Mitglieder einer Gruppe genau zeitgleich von einer Phase zur anderen wechseln, sondern die dynamischen Impulse sich zu einem dynamischen Komplex verdichten, dessen Vielschichtigkeit wesentlich schwerfälliger von Phase zu Phase gelangt und wieder von Subgruppen und zentralen Personen angeschoben und gezogen wird.

 

Da wir schon dabei sind: Wenn wir Entwicklungsphasen eines Verbandes reflektieren und dabei auf Entwicklungsphasen des Individuums zurückgehen müssen, dann können wir auch gleich die heutige Massenpsychologie nennen, die immer noch Phasenabläufe nennt, die im Kern nahe sind der Reifung des Individuums. Und Jean Gebser erinnert uns in seinem Quellentext „Ursprung und Wirklichkeit“ daran, dass unser ganzer Kulturkreis sich mitsamt seinen verschiedenen Ethnien nicht sehr anders aus den archaischen Kernen heraus entwickelte bin zur heutigen mental-vorsichtig integralen Sicht als ein Individuum.

 

 

Zurück zum Bild. Es zeigt eben keine Dyade und eine der Phasen dyadischen Zusammenseins. Es zeigt eine sich nähernde Triade: Durch den Maler, den Beobachter.

 

Damals –etwa 1848/1849 – gab es sich verdichtende Probleme zwischen erstem Interessenverband (DGMT) und erstem Berufsverband (DBVMT), Probleme, die weniger mit inhaltlichen Argumenten als immer auch mit Macht und dem Umgang damit zu tun hatten.

Gelöst - manchmal gelöst - wird eine solche Situation durch die Schaffung einer dritten Größe: Das war unser sog. Vorstandsrat.

In ihm wurden alle wichtigen Entscheidungen (es ging um die ersten und folgenden Hochschulstudiengangsgründungen für Mth, um Lehrmusiktherapie, um die Gründung einer Zeitschrift uvm) vorbesprochen, vorbeschlossen.

Besetzt war dieses Gremium zwei und zwei: Zwei von der DGMT (Eschen/ Bolay) und zwei vom DBVMT (Loos, Decker-Voigt). Eine sehr interessante Querachse war dabei, dass ich zwar den DBVMT mitvertrat, aber gleichzeitig engster Kollege von Johannes Th.Eschen in Hamburg war.

 

So wurde destruktive Kraft der einen oder anderen Seite gelenkt und gestaltete sich einigermaßen konstruktiv in der Sache, erträglicher in der Gruppendynamik. Die sich später wieder in neue Distanzen rettete. Wie immer also unter Menschen.

 

Spielen wir mit Spitzwegs Kreativität weiter und geben diese dritte Position des bisherigen Beobachters im Spitzweg-Bild den NoRo-KollegInnen.

Sie sind international gesehen die meistverbreitete, am besten gesponserte und optimal vernetzte Musiktherapie – und haben sich Zeit genommen, das Zusammensein von Zweien zu bereichern. (Auch als international bewährte Institution kann man im eigenen Lande einsam werden und fühlt sich bereit, das Experiment der neuen Gruppenbildung einzugehen.)

 

Abweichend bei NoRo: Eine Schlichter-Rolle wie z.B. der damalige Vorstandsrat nimmt NoRo nun – so sehe ich es, weil ich es nicht anders las und hörte – nicht ein und DGMT und BVM haben auch die Phase der Konfrontationen hinter sich (s. Spitzweg) und treffen sich gereifter.

 

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Bisher redete ich dazu, wie ich die langen Entwicklungszeiten für die heutigen Vordergründe und Hintergründe dieser Tagung sah und sehe und insgesamt lässt sich zum Zusammenkommen der drei Kräfte aus drei Gruppierungen mit dem Grafen Isolan in Schillers Wallenstein sagen:

 

Spät kommt Ihr,

doch Ihr kommt,

der lange Weg

entschuldigt Euer Säumen!

 

Zu dem langen Säumen: Ich gratuliere Ihnen dazu, sich eben jetzt erst nach so langer gründlicher Vorarbeit verbinden zu wollen.

Unabhängig vom Ausgang Ihrer und unserer Mitgliederversammlungen und nachfolgenden Gremiensitzungen zur Frage der verbandspolitischen Heirat zu Dritt will ich hier meine Hochachtung äußern gegenüber den Führungsrollenträgern der Veranstalter-Triade dieser Zusammenführungstagung. Hochachtung gegenüber der respektvoll und stringent und unabhängig geführten Verhandlungsserie über die letzten drei Jahre hinweg durch all die Annäherungen und Distanzierungen hindurch.

Unabhängig haben Sie, liebe KollegInnen, die Verhandlungen auch geführt. Nicht unabhängig von den Mitgliederversammlungen. Aber Sie waren nahezu unabhängig von der eigenen Person und den möglichen Verletzungen derselben. Sie haben die Sachfragen unserer verbandspolitischen Zukunft von Intrige, von Verleumdung und anderen Spaltungsinstrumenten ferngehalten, indem Sie auf Ihre Wunden weniger sahen als auf die berufspolitischen Zielbündelungen.

 

Eine so reife, genauer: in der dritten Phase aufeinandertreffende Dreierverbandsgruppe mit ihrer Urzelle dreier Profile könnte musikalisch so klingen wie dies Trio von 3 Klavieren.

Begleitet von Baß und Schlagzeug als Symbol für MV`s, die immerhin die Stütze des Ganzen sind. Oder nicht.

 

Tonbeispiel:

Play Bach (J. (Tonbandbeispel von Loussier mit den Pekinel-Frauen samt Dunoyer de Segonzac, Baß und Arpino, Drums) nach BWV 1063.

 

 

Welch symbolisches Verstehen ich an diese Art Musik und an entsprechende improvisierte Musik mit Kollegen und Patienten weiter knüpfe:

Da sind die festen Bindungen an die Partitur der Vorgeschichte (Bach eben), die hart erarbeitet werden müssen. Und dann entstehen daraus die freien, kreativen, crescierenden und crescendierenden Passagen des Suchens, Profilierens, Neufindens als Basis für Verknüpfung des Alten mit Neuem.

 

Auf einem der Nachbarhöfe in unserem Dorf in der Lüneburger Heide, steht wie über allen alten Fachwerkhauseingängen ein Balkenspruch, der ethnologisch unter die Rubrik „Volksweisheit“ läuft, im therapeutischen Jargon unter „Erfahrungspsychologische Stimuli“:

 

„Auf altem Grund Neues wirken jede Stund.“

 

Eben dies kommt nun auf die mögliche neue Verbandskongregation zu: So ziemlich jede Stunde sich auf Neues einrichten zu sollen.

 

Ich gehe in diesen zweiten und letzten Teil mit einer additiven Liste meiner Wünsche für Sie, für die Mitgliederversammlungen nachher - und damit Wünschen für unsere kollektive und gleichzeitig individuell gestützte berufspolitische Identität.

 

                            Der erste Wunsch

 

Ein scheinbar banaler Wunsch: Dass Sie, die Sie bis jetzt und künftig besondere Führungsverantwortung in den Verbänden trugen und tragen werden, gesund bleiben in den alten und neuen Funktionen.

 

Denn, die Annahme, dass Verbandsfunktionäre und die sie wählenden Mitglieder durch therapeutisch-analytische, medizinische oder sozial- und heilpädagogische Qualifikationen qualifizierter mit der Dynamik in ihrer eigenen Psyche und in ihren Vorstands-und Mitgliedergruppen umgehen könnten, gehörte nur kurze Zeit während meiner diversen Rollen in unserer Szene zu meinen Hoffnungen.

Nichts ist außerhalb der Therapien, die wir anbieten, dadurch kompetenter, dass wir Therapeuten sind. Die Spaltungen, die individuellen und kollektiven narzisstischen Kränkungen und Kränkbarkeiten sind dieselben wie woanders auch.

Und Kollegen, die von der Kränkung aus in die Fahrwasser schwererer Persönlichkeitsstörungen und nachfolgende oder vorangegangene Krankheiten gerieten, gibt es bei uns nicht weniger als in Politik oder Showbusiness oder Führungsriegen anderer Bereiche des Gesundheitswesens. Gesundheitswesen - ein Wesen, welches gegenwärtig im Blick auf gesundheitserhaltende Arbeitsbedingungen (wie mehr Arbeit für weniger Geld oder Qualitätskontrollen, die der Finanzeffizienz dienen und nicht Patienten und ihren Behandlern) noch weitere künftige Jahre des Umbruchs ein systematisches Gesundheits-Unwesen betreibt.

 

Manchmal – das wissen wir heute auch musiktherapie-öffentlich und nicht nur auf den einen oder anderen tragischen Fall bezogen – wandern wir mitsamt unserer ganzen Kompetenz von Neurotizismen geplagt durch ganze Neurosen, sind in der Lage, Borderlines und andere Lines zu überqueren – bis in das betonierte Aquarium der Psychose hinein.

 

Insgesamt gilt für auch für uns in manchen erfahrenen Krisenzeiten der Pionierarbeit wie der Weiterführung durch Nachfolgende: Heckenschützen gibt es überall und manchmal – so unser heimatlicher Pastor, der sich gerade verabschiedet nach 11 Jahren – gibt es sogar mehr Heckenschützen als Hecken.

 

Hinter Hecken mutieren wir dann – wenn wir uns nicht begleiten lassen durch Teams, durch Supervision, durch Intervision, durch Moderatoren - vom Musiktherapeuten, vom (engl.)

 

MUSICTHERAPIST zum MUSIC  THE  RAPIST

 

(rapist von rap= Schlagen, scharfe Verweise geben, herauspoltern).

Aber wir haben ein Medium, das uns Noch-Gesunde ständig erinnert, wie Zusammenkommen und Zusammenwachsen, wie Nähe und Distanz ständig veränderbar sind: Musikalische Improvisation. Vor diesem Hintergrund mein

 

 

                            zweiter Wunsch, nach Identitätsreifung

                            oder

wann wissen wir, wer wir sind?

 

Der Wunsch heißt, voranzutreiben, dass die berufliche Identität der Musiktherapeutin/ des Musiktherapeuten in unserer Infrastruktur ein fest etabliertes Profil bekommt, das nach außen Vertrauen und im Laufe der Zeit Vertrautheit hervorruft.

Der Wunsch ist auch nicht banal und nicht immer so aktuell wie heute, denn:

Die Voraussetzung für eine wirklich vollständige Lobby für uns als Partner der Kassen, der Gesundheits-Politik, hoffentlich eine Lobby eines Tages im Range einer Kammer analog den Ärztekammern, der Psychotherapeutenkammern, wäre dass die Kolleginnen und Kollegen in den neuen Bundesländern, also die DMVS und andere in der übrigen Republik (z.B. Orff-Musiktherapie u..) sich den Dreien, die sich jetzt zusammentun, zugesellt.

 

Freude an Pluralismus einerseits und die Einsicht in die Notwendigkeit gemeinsamer wirksamer Politik andererseits – das wäre in den neuen Bundesländen und anderswo zu entwickeln, um dann ein Berufsprofil nach außen zu zeigen, das Mitbehandelnde, Patienten und Institutionen des Gesundheitswesens weniger verunsichert als derzeit.

Bleiben wir – trotz baldigster Neugründung, trotz des Mach Eins-aus-Drei – zu pluralistisch und entwickelt sich der neue Verband allein weiter, dann werden die Gruppierungen, die sich zu lange bedeckt halten oder gegensteuern oder auch nur abwarten, eines Tages in die Rolle des Jugendlichen geraten, welcher seine Eltern ermordet und anschließend vor Gericht um Nachsicht bittet, weil er nun Vollwaise sei.

 

 

 

 Dritter Wunsch in Form einer Kürzestphilosophie zu Leben und Sterben in Führungsrollen

oder

Bis dass der Tod uns scheidet?

 

 Bezogen sind Leben und Sterben auf Verbandsführungen, die uns heute und weiter zusammenwachsen und zusammen wachsen lassen werden.

 

Rigide und statische Verbandsprofile enden erleichternderweise nicht immer erst durch biologischen Tod. Auch wenn ich das im Blick auf manche Urväter und Ur-Mütter mancher Verbände so sehe. Vielmehr enden rigide Strukturen auch durch die glückliche Tatsache, dass reife Mitgliederversammlungen nicht reifende Vorstände abwählen können. Vorausgesetzt: Eigene Reife und Wachsamkeit für Anfänge.

 

Mein Wunsch: Die reifere Generation von Verbandsführern möge nicht so sehr auf dieser narzisstischen Schwimmtechnik von manchen von uns in der ersten und zweiten Generation folgen, sondern sowohl einer neuen Lebensphilosophie als auch daraus resultierender Führungsstilistik.

Denn: Folgen wir dem Philosophen Wolfgang Schmid – dann wird kreative Gestaltungskraft dadurch freigesetzt, dass die Regierungszeiten von Vorständen begrenzt sind. Im Makrokosmos : Ohne den Tod als Ende des Lebens hätten wir kein Bewusstsein unserer Restlebenszeit und die ständige Ahnung von eben derselben setzt unsere kreative Gestaltungskraft frei (keineswegs nur die Freud`schen und eigenen Sublimierungskräfte der Sexualität).

Die Bewusstheit, dass ein Amt zeitlich begrenzt sein muß, damit wir es sehr gut führen können, wünsche ich unserer Verbandszukunft.

 

Von daher: Zusammenkommen-Zusammenwachsen – bis dass die nächste Wahl (oder übernächste, je nach Satzung) uns scheidet. Wenn nicht: Gute Nacht – dann haben wir die Putins dieser Welt und andere noch größere Klammeraffen auch wieder in den eigenen Reihen hier. In unserer kleinen, aber feinen Musiktherapie-Szene, die ganz unzufällig boomt und boomt. Trotz in der gegenwärtigen Umbruchsphase sich überholender Gesundheitsstrukturreformen und deshalb niedrigster Bezahlung und immer noch zu frei freiflottierender Beziehungen zu den offiziellen Institutionen des Gesundheitswesens.

 

 

    Der dritte Wunsch, die Teufel unter uns betreffend…

 

Ich wünsche einen guten Umgang mit Sündern in unseren Vorständen und Mitgliedergruppierungen, mit Teufeln, mit Satanen, mit Dämonen.  Diese uns aus Religion- und Märchenwelten vertrauten Bilder sind natürlich längst durch unsere heutige Psychologie-Sprache übersetzt und heißen: Destruktive Aggressivität.

 

Wie ich sagte, traue ich uns ebensowenig professionellen Umgang mit verdeckter oder gar offener Aggression  zu, ich meine destruktive Aggression – wie Nichttherapeuten. Und natürlich beziehe ich mein mangelhaftes Zutrauen nur auf Situationen außerhalb der Therapie. Da – außerhalb - nützen uns unsere Kenntnisse wenig. Innerhalb bewundere ich die allermeisten Kollegen, die ihre Fallbeispiele veröffentlichen, sehr. Aber außerhalb – o je, was lässt sich da alles lesen im Internet, in Protokollen des letzten Jahres…fast wie die Skandalmaterialien aus großer Politik und Wirtschaft.

 

Es reicht mir als Wunsch für Sie also der menschliche Umgang untereinander und da auch der mit destruktiver Aggressivität, mit der wir – glaube ich – alle hier im Saal persönliche Erfahrungen machten und wenn nicht, dann müssen Sie sie schleunigst nachholen in einer neuen Lehrtherapie. Denn begegnet sind sie solchen Kräften längst und haben Sie nur nicht wahrnehmen können mangels Gegenübertragung. Oder in sich nicht wahrnehmen können mangels guter Lehrtherapie und/ oder Supervision. Ich zähle mich durchaus zu solchen partiellen saisonalen Analphabeten in der Gegenübertragungsreaktion auf manche Menschen. Und unser Haupt-Instrument in der Therapie, die Wahrnehmung und Analyse unserer Gegenübertagung, können wir sehr wohl gut nutzen außerhalb der Therapie.

 

In der Vergangenheit der letzten 35 Jahre musiktherapeutischer Arbeit und entsprechender Mitgliedschaft in nunmehr neunzehn nationalen und überwiegend internationalen Verbänden sah ich mehr als nur einzelne Führungskräfte vereinsamen, isoliert.

Die einen zogen daraus destruktive Kräfte, die anderen die Kräfte zum inneren oder äußeren Exil. Wieder andere ließen nicht ab von ihrer unverletztlichen Kreativität, wie die Initiatoren zum jetzigen Treffen. Verletzungen geschahen und geschehen immer. Nur - in manchen Führungskräften metastasieren diese Verletzungen, bis dass der Tod sie schied.

Was wünsche ich als Gegenmittel?

Kein Belohnungssystem mit Abzeichenflut, Prämienzahlungen, Mitgliedsbeitragserlaß oder Ehrenurkunden a la Feuerwehrvereinen meiner Heimat in der Heide.

 

Ich meine das Mittel, das wir so oft  in unseren Therapien einsetzen: Feedback.

Ich vermisse es so oft im Blick auf Menschen in unseren Reihen, Vorständler, expressive Mitglieder-Kollegen. Offene Fragen an Sie, an Dich, an mich:

Wann gratulierten Sie zum letzten Mal einem näher oder etwas weiter stehenden Kollegen zum Geburtstag oder Neuen Jahr? Wahrscheinlich häufig und gerade kürzlich her.

Aber:

Wann geben wir uns persönlich feedback zu einem Aufsatz in der MU?

Wann zu einem gelesenen oder gehörten Interview eines Kollegen?

Wann zu einem folgenreichen neuen Buch?

Wann nach einem Vortrag?

Wann nach der Leitung einer Tagung?

Wann für eine Rezension?

Für einen privaten Literaturhinweis?

Für die Co-Therapie in einem riskanten Therapiepozeß?

Für die Hospitation in einer Mitschauanlage oder durch die Scheibe (eine der mutigsten interkollegialen Offenbarungen)?

Für die Leitung einer Sitzung?

Für den Redebeitrag in einer Sitzung?

Überhaupt – für die Zeit, die ein oder mehrere andere für uns irgendwo ihre Freizeit mutieren zu Arbeitszeit?

 

Die soziale Schmiere in jeder Gruppe ist feedback und mein sich verdichtender Eindruck ist, dass manche Behörden, Kliniken, Firmen und Konzerne eine bessere, lebendigere, spontanere feedback-Kultur üben als wir, ausgerechnet wir, die wir Künstler darin sind. Patienten gegenüber supportiv zu sein.

Die große Zahl von abwesenden Mitgliedern (sicher viele mit triftigen Gründen) der drei Verbände in Berlin erinnert mich an allgemeine Politikverdrossenheit. Nur – wir sind nicht gerade politikbewußtseinsschärfer als andere, die wir wegen Desinteresse an Nachbarn und Gesellschaft schelten.

Ich selbst fühle mich durchaus dankbar, aber ich traf und treffe gerade innerhalb unserer Therapie-Kreise unter Mitgliedern z.T. autistische Verhältnisse an und – einsame Führungsgestalten.

Zum Wunsch, einen fleißigen und spontaneren Umgang mit feedbacksupportivem wie kritischem! – gehört auch der Wunsch, dass Sie meine neueste Erfindung gut finden:

 

Profeed.

 

Nicht Profit. Pro-feed! Das ist die zeitliche Umkehrung von feed-back, was Rückfütterung, Rückmeldung auf Gewesenes bedeutet. Ich erfinde jetzt den Begriff des Profeeds als Wunsch für Kommendes: Führungskräfte brauchen Wünsche gerade in Krisenzeiten! Ich denke an jüngere Dramen im DGMT-Vorstand – gab es dort genügend profeed von außen , nicht nur Stützung der Betroffenen untereinander?

Ich selbst würde die letzten 5 Jahre Internetverfolgung, welche juristisch grundsätzlich durch Zivilklagen immer nur fragmentiert zu bremsen ist, nicht einigermaßen psychisch gesund überlebt haben können – ohne Zuspruch brieflich, telephonisch, persönlich. Ich danke denen unter Ihnen, die dies gaben – danke für den Rest meines Lebens. Da ich nicht weiß, wann ich von dieser Stelle wieder zu Ihnen spreche – das letzte Mal tat ich das bei der Verleihung der Ehrenmitgliedschaft im letzten Jahrhundert – danke ich auch dafür, dass Sie meinen Antrag auf Auflösung meiner Ehrenmitgliedschaft 2002 ablehnten. Während ich damals dachte, rufmordumstrittene Personen müssten grundsätzlich zurücktreten von Ehrenämtern, waren Sie gegenteiliger Meinung und gaben mir „profeed   „ auf meinen Versuch des Durchstehens ohne zurückzuschlagen die, die meine Existenz vernichten wollten und dies bis heute tun.

Profeed heißt meine Empfehlung für die Entlassung aus dieser Tagung denjenigen, die heute gewählt werden: Die Entlassung i n Ämter. Nicht nur profeed für die, die aus ihnen scheiden.

 

Manche Erfahrungspsychologien sind uralt:

Im Römerbrief steht der etwas fromme Imperativ:

Freuet Euch mit den Fröhlichen und weinet mit den Weinenden.

 

Das Zweite wäre nicht gut in der Therapie und auch nicht immer außerhalb. Aber Empathie – Herr Gott noch mal – die können wir sehr viel mehr auch untereinander zeigen und besonders dort, wo es eng wird und sich bekanntlich aus Enge Angst entwickelt.

Außerdem: Neben der Pflicht zur immer mehr sich weitenden informationstechnologischen Kommunikation (ab 2008 unterrichten wir von Hamburg aus gleichzeitig für Estland und Russland und Taiwan im Rahmen des e-learning-program) gehört die Verantwortung zu umso persönlicherem und häufgerem lebendigen feedback.

Denn dem Internet, emails, also den Kästen hinter unseren grauen Monitoren die Sachinformationswelt allein zu überlassen, ist die Garantie für eine Potenzierung des ohnehin krankhaft narzisstischen Bedarfs unserer Gesellschaft.

 

Vierter Wunsch: Ein verbandseigener Rechtsbeistand.

 

Begründung: Ein Verband, ein größerer, ein großer allzumal, verführt das Mitglied auch wieder in dependente Nähe, wie sie das Kind dem Elternteil gegenüber fühlen darf. Im ungünstigen Fall wird ein Verband geradezu Gottnachfolger – wie manche Ärzte – und Psychotherapeutenkammern es für manche Mitglieder sind.

So wie Heinrich Schütz schreibt und doppelchörig singen lässt: „Zu Dir, Herr rufe ich in der Not“ oder „Herr, wenn ich nur Dich habe“, ruft ein Mitglied oft genug auch den Verband in seinen Nöten an. Verbände sind immer auch ein klein bisschen Eltern-Nachfolge.

 

Diese Dependenz nicht zu solcher werden zu lassen, sondern als Rechtsbewußtsein des Mitgliedes zu schärfen darin, dass er Recht ebenso bekommt wie feedback auf Unrecht, ist mein weiterer Wunsch.

 

Ich sehe zunehmen bei zunehmender Mitgliederzahl, dass der Code of Ethics angewandt werden m u ß – auch als Korrektiv, notfalls als Eliminator.

Wir werden nicht einiger sein als früher. Aber in der Infrastruktur immer noch besser und auch besser auf Notfälle eingerichtet: Notfälle für Spaltungs-Virtuosen, für üble Konkurrenz-Strategien, für Verleumdungsfälle und Vernichtungsabsichten. Doch, das alles gibt’s nicht nur heute, sondern auch schon früher, weil es schlicht auch zu uns gehört.

Aber wir haben noch keinen Justitiar, keinen Anwalt, der uns aus unserer Kasse bezahlt i.A. des Verbandes in Nöten – welcher Art auch immer, die Juristerei erfordern- hilft.

 

 

         Fünfter Wunsch: Integration nicht als Erschlagungswort

 

Die neue Kon-Gregation möge vorantreiben die Entwicklung der Community Music Therapy.

Die klinische Therapie so stark abzugrenzen von Musik im Krankenhaus, abzugrenzen von jeder anderen musikalischen Aktivität im sonderpädagogischen, sozialpädagogischen Sinne war nötig, solange wir unser klinisches Profil suchten. Jetzt ist dies Profil wohl reif genug, so dass diese Lebensqualitätssteigerung namens Musiktherapie in eine weltweite, nein: erd-weite reicht: Community Music Therapy hinein mehr zu leben versuchen sollten.

 

 

 

 

                   Sechster Wunsch: Berufshochschulpolitik in der Zukunft

                  oder

                  „Eia – wär`n wir doch schon da…“

 

Wir leben, lehren und lernen unsere jetzigen Berufsprofile alle nicht mehr lange, weil wir nicht mehr lange an den Ausbildungsstätten die Profile von heute anbieten können werden. Oder noch kürzer Prof. Herbert Spörkel, Lüneburg/Erlangen, Zertifizierer von Kliniken und zukunftsforschender Konzepteur im Gesundheitswesen: „Kaum ein jetziges Fach wird im Gesundheitswesen der 2050 er Jahre wieder zu erkennen sein, einschließlich Medizin.“

 

Nachfolgend einige Informationen, Erkennnisse und Einschätzungen des Autors in der Arbeit in Koordinierungsgremien der Masterstudiengänge für Gesundheitsberufe in Mittel- und Osteuropa und aus der Arbeit für AQAS – einer Akkreditierungskommission für neue Studiengänge in der BRD u.a., die wiederum den Kriterien der EU-Kommission (und in den gesundheitswissenschaftlichen Studiengängen wie Musiktherapie, Kunsttherapie, Heileurhythmie u.a. den Empfehlungen der Weltgesundheitsorganisation WHO) folgen. Außerdem bezieht der Autor sein Lernen und seine Informationen aus den Gremien, in denen er in Russland (Moskau und Orenburg) die Etablierung erster Musiktherapie-Studienpogramme etablieren und begleiten hilft (als Beispiel für weitere künstlerische Therapien). Studienplanungen, die von vornherein im Blick auf das Gesundheitswesen der künftigen EU ausgerichtet sein sollen – vor dem Hintergrund der in Russland sehr wohl präziser geplanten EU-Konnotierung, als hierzulande angedacht wird.

Besonders in den kleineren neuen EU-Ländern früherer Sowjetrepubliken sind neue, zukunftsorientierte Strukturen der Gesundheitsberufe eher zu erkennen als bei uns - aufgrund der eli minierten alten (hochschul-)politischen Strukturen und einer quasi „tabula rasa“ – ähnlichen Situation, die Neugründungen in die Zukunft weitaus mehr erleichtert als die tradierten festen Muster, nach denen z.B. in einem alten EU-Land erst alte Strukturen re-formiert (lat.= verkleinert) oder eliminiert werden müssen, um Neues zu schaffen.

 

Allen künstlerischen Studiengangsgründungen dort wie hier liegt zugrunde die unübersehbare Effizienz, die künstlerische Therapien – sind sie erst einmal in einem klinischen Behandlungsverbund integriert – nachweisen.

James Hillman`s Satz „Die Zukunft der Heilkunst liegt in den Künsten“ wurde durch ausreichende fachimmanente Forschung und „Zulieferforschung“ seitens der analytischen Entwicklungspsychologie und der Neurowissenschaften ausreichend begründet:

Eine Patientin, die ihr Mama-Carzinom in der Kunsttherapie malt oder in der Musiktherapie musikalisch ausdrückt, de-zentriert ihre inneren angstbesetzten Bilder, gestaltet in einer psychodynamisch orientierten Therapie ihre Symptome künstlerisch und damit aktiv um. Der moderne Patient in einer künstlerischen Therapie trägt dazu mitentscheidend bei, dem sonst rezeptiv-konsumptiven Behandlungskonzept einer Schulmedizin zwischen Blutsenkung, Röntgen und CT psychoneuroimmunologisch hochwirksame Eigenaktivität zuzugesellen.

Vor diesem Hintergrund sei der „heimliche Boom“ der schlechtbezahlten Therapie durch Künste verstanden und damit der

 

Hochschulmarkt als gesunde Konkurrenz

 

Einmal abgesehen davon, dass sich a l l e unsere heutigen Wissenschaftsprofile, d.h. Ausbildungsprofile jetzt erst langsam zu ändern beginnen und in 30 Jahren sehr andere Profile haben werden wegen Fusionen mit neuen, wegen Auflösungen alter Profile, gilt für den winzigen Ausschnitt Musiktherapie als Beispiel für künstlerische Therapien innerhalb unserer kleinen BRD:

 

- Die Musiktherapie hat allein 2007 zwei neue künstlerische Therapie-Studiengänge im Hochschulbereich als „konstruktive Konkurrenz“ erhalten (aus dem anthroposophischen, genauer heileurhythmischen Bereich). Ein dritter Studiengang in Musiktherapie ist geplant.

Diese haben zur Auflage, sich zu den nichtanthroposophischen Studiengängen ähnlicher Art, also uns Musiktherapeuten, kompatibel zu halten. Dasselbe gilt für Anträge aus dem Kunsttherapie-Bereich, dessen z.T. schon staatliche, z.T. noch private Studiengänge offiziell auf den „akademischen Markt der künstlerischen Therapien“ drängen. Oder wegen der sich abzeichnenden Akademisierung künstlerischer Therapien in der EU auf den Markt drängen müssen.

- Neben dem bisherigen Hochschulbereich sind Musiktherapie-Ausbildungen an Akademien angedacht, die über den Status der Berufsakademie und später als private (Fach-) Hochschule ebenfalls Bachelor-Studiengänge werden anbieten können

- Ins Ausland: Die Schweiz, auch eigentlich beim Re-formieren (Verkleinern) ihres Gesundheitswesens, wurde in Zürich ein Musiktherapie-Studiengang auf Fachhochschulebene (Master) gegründet. In der Schweiz und Frankreich sind Studiengänge geplant mit dem Schwerpunkt auf rezeptiver Musiktherapie (als Methodenrepertoire-Erweiterung für andere Gesundheitsberufe).

- Es wird aller Voraussicht nach keine Lex Musiktherapeutica geben, weil wir mehr denn je werden, die im künstlerischen Therapiesektor auf Hochschulebene lernen und lehren.

- Es wird voraussichtlich eine Art Berufs-Kammer für diese Gruppe geben, neben den Kammern für Fachärzte für Medizin, Fachärzte für Psychologie, Fachärzte für Psychotherapie (Varianten der beiden Letzteren gab es in der früheren DDR und gibt es bis heute. Wie wir sehen als „Modellgedanke“ in den jetzigen Planungen.

 

- Wir werden rechtlich gesehen keine allein nationalen mehr, sondern EU-Gruppierungen sein.

- Wir werden die jetzige egalisierende Standardisierung unserer wunderbar hochschulindividuell profilierten Fächer durch Bachelor und Master-Abschlüsse durchstehen müssen und unsere geliebte Vielfalt gegenwärtig verschlanken müssen. Mein Institut in Hamburg und viele andere Institutionen verlieren durch die Internationalisierung ca. 25 % der Fächer, es wird kontrollierter und weniger studiert und ausgebildet, dafür um 35 % mehr geprüft als in den früheren (Diplom-) Studiengängen.

-         Wir werden uns ab 2010 (Ende der Umsetzung des Bologna-Vertrages) auf die Gegenströmung dieser Standardisierung einstellen müssen und können und dürfen, weil die Gegenströmung heißen wird:  Die Verteilung von Studienschwerpunkten an die verschiedenen Hochschulen bzw. unter den verschiedenen Hochschulen. Wer unter uns macht dann im zweiten Studienabschnitt Kinder-und Jugend-Musik- (u.a.künstlerische) Psychotherapie? Wer Gerontologie? Wer vermittelt Diagnostik und Therapie mehr für ambulante, wer für stationäre oder rehabilitative Bereiche des neuen Gesundheitswesens?

Hier liegt eine wesentliche und neue zentrale Aufgabe der Berufsverbände bzw. Kammern von Fächern, die zum Kanon der Gesundheitswissenschaften gehören. Ein (ein!) Berufsverband für Musiktherapie oder Künstlerische Therapien oder Kreativtherapien (mit einer Sektion Musiktherapie), was immer, hat mit seinem durch seine in der klinischen Praxis arbeitenden Mitglieder die beste Perspektive auf den Bedarf des Arbeitsmarktes und damit eine enorm wichtige Beratungsaufgabe gegenüber den Hochschulen und anderen Ausbildungsstätten für Musiktherapie. N.m.M. liegt für die Politik unseres Berufsverbandes hier auch die noch reizvollere, weil substrathaft-inhaltlich-curricular mitbestimmende Aufgabe – als es bloße Verhandlungspartnerschaft mit Kassen und politischen Gremien und den Medien sein kann.

 

Das alles hat sich zu entwickeln vor einem EU-einheitlichen Grundstudienabschnitt, an dem die Ausländer bereits arbeiten, indem sie sich umschauen, was wo und wie woanders gemacht wird, welche Primär-und Sekundärliteraturen im Curriculum sich besonders häufen usw.usf.

Das Profil einer einzelnen therapeutischen Ausbildung, ob akademisch oder nicht, ob bisher staatlich oder staatlich anerkannt oder privat, wird in der künftigen EU-Gesundheitswesensstruktur gemessen werden an den Profilen aller anderen und die meisten werden akademisch sein bzw. akademisiert (wie gegenwärtig – entsprechend der neutralen Schweiz als Vorreiter für die EU in mehrfacher Hinsicht – die Ergotherapie, die OP-und Intensivpflegeberufe).

 

Künstlerische Therapien werden mehrfunktional

 

-         Wir werden uns öffnen innerhalb einer community Music therapy und einer community Art Therapy hin zu Berufen, die eben noch konkurrierend erscheinen hin zu Coaching und anderen Beratungsberufen, die inzwischen in der Schweiz z.B. und in USA mit in der Musiktherapie und Kunsttherapie und Tanztherapie entlehnten Methoden arbeiten.

Überhaupt wird – auch zwangsläufig durch die Verschiebung klinischer Arbeit in die Prävention unser therapeutischer Kernberuf auch immer mehr verbunden werden mit unseren Zusatzqualifizierungen für Supervision, für Coaching, für Beratungsformate ganz neuer Art, in denen auch längst und dokumentiert durch Materialsammlungen und Dissertation (Jahn, Hannes, Dissertation Hamburg 2007) musik-und kunsttherapeutisch gearbeitet wird.

 

In zwei synoptischen  Einschätzungen, die ich vor dem Hintergrund der WHO-Statistik  und der Kondratieff-Forschung (s. Nefiodow, Leo. A., Der sechste Kondratieff – Wege zur Produktivität und Vollbeschäftigung im Zeitalter der Information, Rhein-Sieg-Verlag, St. Augustin 1996) entwickelte, habe ich die wesentlichen Verschiebungen im Gesundheitswesen, also den Praxisfeldern der boomenden Kunsttherapien, aufgelistet. Die mir hier wichtigsten als Text-Exzerpt:

 

-         drastische Verringerung stationärer Behandlungen zugunsten ambulanter

-         demographisch bedingte Erweiterung der Rehabilitation und der Behandlung von geriatrischen Beschwerdebildern

-         Erweiterung der Präventionsangebote für die Gesundheit im gesamten Lebenskreis des Menschen

-         Erweiterung der sog. Wellness-Gesundheitspflegezentren, die ärztlich-therapeutisch begleitet werden.

((s. Decker-Voigt, H.-H., Obregelsbacher, D., Timmermann, T., Lehrbuch Musiktherapie, UTB-Reinhardt-Vlg., München, erscheint Dez. 2007)

 

     Wozu diese nächstschrittigen Pressungen in international verbindlichere

Module in den Curricula, in Studiendauern? Weil damit die schon vor       Jahren in der EU festgeschriebene Mobilitätsgarantie realisiert werden soll, nach der der z.B. portugiesische Inhaber eines Gesundheitsberufes (Medizin, Therapie, Pflege usw.) auch in Estland arbeiten können soll. Und umgekehrt.

Also soll auch die Patientenschaft und KollegInnenschaft in einem Mitgliedsland der EU sicher sein können, dass das Qualifizierungsniveau ihrer eigenen Behandler dem in der EU entspricht bzw. der Mensch sich auch in musiktherapeutische Behandlung begeben kann – da wie dort und ein EU-kontrolliertes Behandlungsmethodenrepertoire vorfindet, welches hilft.

 

Diese Entwicklung ist eigentlich nur zu begrüßen und zu fördern, wenn die musiktherapeutische Entwicklung sich ent - wickeln würde wie dermaleinst die der Psychologie: Erst gehörte Psychologie nur den Psychologen, heute werden Teile des Faches überall gelehrt zwischen Ergotherapie, OP-Schwesternausbildung und Facharztausbildung, zwischen Erzieher – und Eltern(!)ausbildungsprogrammen, demnächst Krippenbetreuungsfachkräften.

Und dennoch schreit keiner mehr nach dem „Besitz der Psychologoie“: Professionell gehört sie nun endgültig und nur den Diplom-Psychologen, aber semi-und paraprofessionell allen, die beruflich mit Menschen und sich selbst arbeiten.

Das wünsche ich mir für die Künste, allen voran die Musik: Allgemeines Wissen um ihre therapeutischen Wirkungen und Funktionen, gespeist von Entwicklungspsychologie-Forschung und Neurowissenschaften (spiegelneuronale Strukturen!) und eine kleine, dem sonstigen Berufsbild zwischen Medizin-Pädagogik-Psychologie angesiedelte entsprechende Teilkompetenz einerseits – und eine klare bewusstheit berufspolitisch dessen, was eine professionelle (Dipl.-)Musiktherapeutin ist und kann, was die anderen nicht können (sollen dürfen).

-         Die Musiktherapie wird als Berufsprofil weiter uns gehören. Dazu gehört die Wacht nicht nur am Rhein, sondern an alle Fließenden in der Berufsmarkt-Politik durch unseren neuen Verband. Aber musiktherapeutisches Wissen sollte in allen Interaktionsberufen mehr oder weniger bekannt gemacht werden – ohne das Berufsprofil der Dipl.-Musiktherapeutin, der BA - und MA - Musiktherapeutin zu tangieren. Siehe eben Beispiel Psychologie.

 

Alle unsere bisherigen hochschulpolitischen wie berufspolitischen Gremien und deren Kriterien werden sich an dem Neuen der sich langsam, aber unaufhaltsam entwickelnden EU-Gesundheitswesensstruktur orientieren müssen – und nicht umgekehrt wie manchmal noch beobachtbar (z.B. bei den Strukturen der von unseren Ausbildungen angebotenen Lehrtherapien).

 

 

 

Mein letzter Wunsch: Zurück zum Anfang (wieder Folie Spitzweg)

 

Das Tal in Spitzwegs Bild ist ein wichtiges Symbol für die Art dieses Zusammen-und Auseinandersetzens der Dyade, die eigentlich eine Triade ist: Das Tal ist ein Kessel und kesselt die Menschen und ihre Argumente ein. Die Übersetzung von Bild zu Wort heißt: Verstrickung in Hoffnungs- und Aussichtslosigkeit, dass etwas Vernünftiges herauskommt.

 

Arthur Schopenhauer schreibt: Die Leute, die so eifrig und eilig sind, strittige Fragen durch Anführung von Autoritäten zu entscheiden (in Spitzwegs Bild die Bibeln, auf die gepocht wird und es sind heute die Bibeln der Wissenschaften, auf die gepocht werden soll). Diese Leute also sind eigentlich froh, wenn sie anstatt eigenen Verstandes und Einsicht Fremde ins Feld stellen können…“

 

Spitzweg drückt den Himmel nach oben, das Tor nach hinten und bietet mit dem Bild eine Warnung an: Ein solch nutzloser Streit bringt führt ins Abseits, in die Öde, in die Leere und der Kessel macht, was Kessel machen: Er erhöht den Druck nauf eine Beschränktheit, die nichts für die Entwicklungsphasen von Neuem auf altem Grund vermag, nichts für die Entwicklung unserer Menschheit, darin unserer Gesellschaft und darin der Community Music Therapy.

 

 

Wenn alles gelingt, dann klingt es vielleicht in den nächsten Zeiten – bis zur Erweiterung der heutigen Drei auf Vier und Fünf durch DMVS, Orff und andere so: (Tonbandmitschnitt einer Improvisation mit sechs Partnern).

 

Ich danke Ihnen für das mich Ihnen Mit-Teilendürfen und wünsche gutes Gelingen nachher und in weiterer Zukunft!

 

Prof. Dr. Hans-Helmut Decker-Voigt M.A. (Expr.Therap.Lesley Coll.,Cambr./USA)

Direktor des Instituts für Musiktherapie der Hochschule für Musik und Theater Hamburg,

Präsident der Akademie der Herbert von Karajan Stiftung Berlin mit Sitz in Salzburg

und derzeit ehrenamtlicher Stiftungsprofessor zur Leitung von Musiktherapie-Studienprogrammen an den Universitäten Tallinn/Estland und Orenburg/ Russland.