Sonstige Veröffentlichungen

 

Hier wollen wir Ihnen Veröffentlichungen Hans-Helmut Decker- Voigts vorstellen, die in keine der anderen Kategorien passen bzw. die sonst (noch) nirgends veröffentlicht worden sind.

 

 


 

Hamburger Ärzteblatt, September 2014

Die heilsame Wirkung von Musik ist auch unter Medizinern anerkannt. In Hamburg bildet die Hochschule für Musik und Theater Therapeuten in drei Studiengängen aus. Ein Artikel von Prof. Dr. Hans-Helmut Decker-Voigt im Hamburger Ärzteblatt.
01.09.2014 (Ab Seite 14).

Artikel auf der Website der Deutschen Musiktherapeutischen Gesellschaft ansehen: hier

Falls der Link nicht funktionieren sollte: hier

 


Musik und Gesundsein

 

Musik und Gesundsein

 

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Oder direkt online:

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Russische Hausarbeiten

 

Summaries der Hausarbeiten aller Musiktherapie-StudienabsolventInnen (Basisberufe Medizin, Psychologie, Musikpädagogik) aus dem Studiengang der russischen Hochschule in Verbindung mit dem Institut für Musiktherapie der Hochschule für Musik und Theater Hamburg von 2007 bis 2009,Ltg. Prof. Dr. Hans-Helmut Decker-Voigt, Senioir-Professor der Hochschule für Musik und Theater Hamburg, Prof.h.c.der Kunstwissenschaften und Dr.h.c. der Rostropovitch-Hochschule Orenburg

 

 



Universitätsverlag und Verlag der Hochschule für Musik und Kunstwissenschaften Orenburg/Russland 2010

 


 

Zuammenkommen - Zusammenwachsen - bis dass der Tod uns scheidet?

Aspekte zu Gegenwart und Zukunft der Musiktherapie(n) im deutschsprachigen Bereich aus berufspolitischer und hochschulpolitischer Sicht

Einführungsvortrag anlässlich der Zusammenführung von

  • Deutscher Gesellschaft für Musiktherapie (bGMT)
  • Berufsverband der Musiktherapeutinnen und Musiktherapeuten in Deutschland (BVM)
  • Verein zur Förderung der Nordoff/Robbins- Musiktherapie e.V. (NoRo)

auf der Tagung "Zusammenwachsen - zusammen wachsen" April 2007 in Berlin, Landesmusikakademie

Auszug aus:
Dokumentationen zur Musiktherapie der Deutschen Gesellschaft für Musiktherapie e.V., Nr. 3


Vortragstext mit Bild- und Tonbeispielen

 

Reaktionen auf den Vortrag: Siehe Pressespiegel

 


 

Allgemeine Zeitung der Lüneburger Heide, 07. April 2007

 

Orenburger Geschichte(n)

Hans-Helmut Decker-Voigts reiseschriftstellerische Sicht auf seinen Russland-Aufenthalt (Teil 1)

AZ-Autor Dr. Hans-Helmut Decker-Voigt, Professor und Direktor des Instituts für Musiktherapie der Hochschule für Musik und Theater Hamburg und Präsident der Akademie der Herbert von Karajan-Stiftung Berlin, war den März über Gastprofessor an der Rostropovitch-Hochschule der Künste in Orenburg, wo nach seinem u.a. auch in das Russische übersetzte Lehrwerk gelernt wird. Davor war er offizieller Gast der Uni-Klinik in Moskau im Rahmen des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD).
Hier seine "reiseschriftstellerische Sicht" auf seinen Russland-Aufenthalt.

Fotos: Decker-Voigt


Russland - vor der Reise ein Mix innerer Bildersammlungen: "Der Kurier des Zaren" von Jules Verne (heimlich mit der Taschenlampe unter der Bettdecke nach dem Abendgebet weitergelesen), später oberhalb der Bettdecke und zu unbegrenzten Lesezeiten die Erzählungen Tolstoi`s, dann im Kino "Anna Karanenina" zwischen Mutter und Großmutter, die ihre Tränen heimlich wegzuwischen suchten, aber ich fand diese ebenso spannend wie den Film. Dann noch später die Romane Dostojewski`s, selbst mitgeheult bei der Verfilmung von "Krieg und Frieden", von "Doktor Schiwago" - - und auf der anderen Seite alles das, was an Greueltaten und Schrecknissen vom jeweils dem anderen Feind, von Stalin, den Sowjets, dem Bolschewismus im und nach einem Krieg erzählt und geschrieben wurde und wird...
Das Positive des Geheimnisvollen an diesem riesigen Reich überwog deutlich. Dazu liebten mein Vater und meine Mutter die Menschen und ihre Kultur im mittleren und ferneren Osten Europas zu sehr.

 

Impressionen aus Orenburg

 

Wo liegt denn das? - Orenburg?

Die meistgestellteste Frage vor meinem Abflug. Schlechtes Gewissen der deutschen Heimatkunde gegenüber? Man weiß ja nie - diese vielen neuen Namen in den neuen Bundesländern, die kulturell die älteren sind…
Weder Ost - noch Süddeutschland. Orenburg ist eine der letzten großen Städte an der Grenze Russlands zu Kasachstan. Orenburg ist so groß und auch eine Landeshauptstadt wie unser Hannover, so provinziell wie diese und deshalb auch so liebenswert.
Dreimal wurde die Stadt gegründet und ich lernte aus Reiseführer und von Russen: Sie sei von Katharina der Großen gegründet worden. Die große Dame, deren Mädchenname weniger bekannt ist: Katharina geb. Prinzessin von Sachsen-Anhalt-Zerbst. Kein Mensch hier in der Heide wußte das, aber sofort der Taxifahrer vom Bahnhof Berlin zum Flughafen. "Jawoll - ja, det is eene von uns jewesen." Sowas macht mir Russland heimisch bevor ich da bin.
Aber Boris Michailowitsch in Orenburg hat Recht: Orenburg erfuhr nicht seine Gründung, nur seine Blütezeit im 18. Jahrhundert unter Katharina, die vielleicht aufgrund leichter Heimwehanfälle nach Sachsen-Anhalt für die drei deutschen Endungen " - burg" eine besondere Schwäche hatte: St.Petersburg, Jekaterinenburg und eben - Orenburg.
Orenburg? Manche Fans westlicher klassischer Musik schreiben es mit "h", weil sie wissen: O(h)renburg hat diese Hochschule des Hörens, eine Musikhochschule, der eine lebende Legende, der russische Cellist Rostropovitch, zusammen mit seiner Frau nicht nur den Namen stiftete, sondern sie als "seine" Hochschule sieht. Wenn Rostropovitch zu Meisterkursen kam (derzeit ist er schwerkrank) - dann hat immer ein Leibwächter rund um die Uhr Dienst. Nicht um den Leib des Maestro zu schützen, sondern seines Cellos von wahrlich unschätzbarem Wert. Solche Geschichten weiß Igor Chramow, der Präsident der Stiftung EurAsia, die keinen besseren Ort als Amtssitz haben könnte. Denn: Die große Wasserader durch Orenburg hat schon was aufzuweisen, was die Seele andere Dimensionen ahnen lässt als der Rhein, die Elbe, die Donau. Der Fluß ist der Ural und dieser ist die offizielle Grenze zwischen Europa und Asien. Oder die Verbindung beider. Grenzen können eben beides. Je nach Perspektive: Trennen und Verbinden.
Die große Brücke: Am diesseitigen Brückenkopf steht denn auch auf einem Schild "Europa" und am jenseitigen Brückenkopf auf dem anderen Ufer "Asien". In Brüssel schätzt man den EU-Beitritt um ca. 2050 - hörte ich. Die russischen Gesprächspartner, darunter der Präsident der Russischen Konföderation, schätzen früher. Sehr viel früher. Mindestens ein Anbindungs-, Einbindungs-Vertrag in die EU wie ihn die Schweiz hat…2015?

Irgendwann einmal - geht Europa bis hierhin: An den Ural…Wie früher schon einmal.

 

Decker-Voigt mit russischen Kollegen

 

Apropos Politiker. Natürlich ist ein Mann wie der Präsident der Russischen Konföderation (von ferne vergleichbar dem Bundesrat) ein mächtiger Mann. Sozusagen ein zweiter Mann im Staate. Er wäre es, wenn - nicht Putin wäre, höre ich mit der russischen Prise von (Selbst-)Ironie.
Natürlich gibt es "zweite" und andere Männer im russischen Staat.
Aber Putin ist der einzige.
"Solche Einzige brauchen wir auch - wer hält unseren Laden sonst zusammen, wenn nicht ein `demokratischerAutokrat`? Wir haben keine USA-Struktur," höre ich. Und: "Wir hatten immer schon eine Schwäche für starke Männer. Wir hätten den Zar nicht gänzlich verschwinden lassen - wenn er uns nur mehr sozialen Wohlstand ins Land gebracht hätte…so wie heute ein bisschen."

In der Tat sehe ich einige Zar-Porträts wieder an öffentlichen Gebäuden hängen. Das haben sie gegründet, dort übernachteten sie, dort redeten sie…die großen und kleineren Peter, Alexander, Nikoläuse. Putin hat nichts dagegen, denn er verschafft (ein bisschen) mehr, was die Russen sich wünschen und wird nicht fortgejagt werden. Vielleicht gar auch mal Halbreliefs an öffentlichen Gebäuden dermaleinst?
Nein, von Jelzin, höre ich, von ihm und seinem Freiheitsgerede ging das neue, alte Russland fast kaputt. Vier Monate keinen einzigen Rubel im Land als Gehalt, als Rente, als Zahlungsmittel. 1000 %ige Abhängkeit von einer Art Schwarzmarkt, der aber als einziger Markt erlaubt war, überlebensnotwendig wie in einer Nachkriegszeit. Und in direkten Folgen einer Nachkriegszeit lebten und leben sie und wir immer noch.
Menschen haben keine Zeit mehr für Gerede über Freiheit wenn die Grundnahrungsmittel nicht bezahlt werden können. Heute gibt es alles. In Moskau wie in Orenburgs Provinz. Jedenfalls in schicken Schuppen wie dem neuen Gebäude des Schweizer METRO -Konzerns. In dem die "Neuen Russen", weil reichen Russen einkaufen. Nicht meine Kollegen. Tatjana verdient als Professorin für Klavier umgerechnet 200 Euro im Monat (mit Kind), die Leiter und Lehrstuhlinhaber an den Hochschulen ca. 600 (allerdings mit unbegrenzter Nebentätigkeitserlaubnis). Normalerweise ist nichts mit METRO und so.
Ich habe in der Großstadt Orenburg einen (als Zahl: 1) Mercedes gesehen. Und kenne die Autotypen-Szene etwas, da ich täglich vom Fahrer des Dienstwagens der Hochschule bis zu zwei Zeitstunden täglich von der Vorlesung zum Vortrag und wieder zurück an fünf verschiedenen Orten gekurvt wurde. Orenburg will keine Hochhäuser, die hat andeutungsweise nur die benachbarte Gasprom und die Erdölfelder-Verwaltung, von deren Existenz die Stadt in nichts profitiert. Keine Kopeke. Ohne großes Geld kein Manhattan. Mit seinem kleinen Geld restauriert Orenburg dafür liebevoll seine klassizistischen Gebäude aus dem 18./19. Jahrhundert, leistet sich eine funkelnagelneue Theatererweiterung mit einem traumhaften italienischen Interieur, an dem derzeit die Tochter des Kultusministers die Hauptrolle spielt. Orenburg bleibt flach, weit gestreckt in diese Landschaft, die flach wie unsere Gifhorner Nachbarschaft oder die Geest ist. Nur mit mehr Sand und weniger Gras.
Apropos Dienstwagen. Doch - das nun haben die Kollegen dort (noch), was wir hier nicht (mehr) haben. Richtigerweise.

 

Impressionen aus Orenburg

 

Ein Mann - und sein Moskau: Ich habe die Russen zuerst durch Moskauer Riesen-Gebäude und Riesen-Straßen kennengelernt. Und Riesen-Kollegen. Die meisten sind ein halber bis anderthalb Köpfe länger und breiter als ich und lassen mich Gulliver-Erfahrungen im Riesenreich der Riesen machen, obwohl ich zuhause unter idealer Mittelgröße laufe.)
Professor Shklovsky, Chef des Moskauer Zentrums für Sprechpathologie und Neurorehabilitation zeigt mir seine Klinik, deren westlicher Standard in Hochtechnologie nur innen zu sehen ist…Er zeigt seine engagierte Ärzteschaft und Therapeuten (und eine Musiktherapeutin!) mit derselben Leidenschaft, mit der er in die Patientenzimmer stürmt und väterlich-forscherisch stolz seine interessantesten Patienten mit erworbenem Hirnschaden vorstellt. Verkehrunfallopfer, Hausunfallopfer, Opfer toxischer Hirnschäden durch Alkohol. Ein junger Mann, der von Milizsoldaten zusammengeschlagen wurde, die er bei der Vergewaltigung eines Mädchens in der Metro überraschte und dem er helfen wollte…Also dasselbe Spektrum wie bei uns zuhause. Menschen sind sich interkulturell erstaunlich ähnlich, wenn es um destruktive Aggression gegen sich oder andere geht.
Der Professor ist russischer Jude, 79 Jahre alt und weiter in allen Ämtern. Wie so viele Führungskräfte, wenn auch aus anderen Gründen als die ebenfalls arbeitenden niedrigeren Rentenbezieher: Arbeit nach dem bei uns angestrebten 67. Lebensjahr ist bis zum Ende der körperlichen Vitalität die Regel. Meistens steht vor dem Parlamentsgebäude gegenüber von meinem Moskauer Hotel eine kleine Gruppe Demonstranten, schlohweiße Haare, rote Fahnen und Transparente, ein Megaphon zur Einforderung einer höheren Rente. Drumherum gleich viele Miliz-Soldaten, die gleichmütig dieser "Opposition" zuschauen und sich mehr für mich interessieren, der ich vor meinem Hotel gegenüber vom Parlament stehe. Sie winken mir zu und ich winke zurück. Und erst als zwei über die Straße kommen und mit vielen "Njets" auf meine Video-Kamera zeigen, verstehe ich, dass ich das Winken falsch verstanden hatte.

 

 


 

Allgemeine Zeitung der Lüneburger Heide, 14. April 2007

 

Orenburger Geschichte(n)

Hans-Helmut Decker-Voigts reiseschriftstellerische Sicht auf seinen Russland-Aufenthalt (Teil 2)

 


AZ-Autor Dr. Hans-Helmut Decker-Voigt, Professor und Direktor des Instituts für Musiktherapie der Hochschule für Musik und Theater Hamburg und Präsident der Akademie der Herbert von Karajan-Stiftung Berlin reiste den März über seinen in Russland veröffentlichten Arbeiten nach - als Gastprofessor an der Rostropovitch-Hochschule der Künste in Orenburg und davor als offizieller Gast in Moskau im Rahmen des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD).

Fotos: Decker-Voigt

 

In meinem Hotel, direkt gegenüber vom Parlamentsgebäude in Moskau, lebt es sich übrigens ohne jeden Internetanschluß und zeitweise Handy-Kontakt. Wegen der Bannmeilen-Nähe? Achselzucken und keine weitere Antwort. Dafür ein Milizionär als 24 Stunden-Bodyguard, der - als ich fragte, ob ich ihn photographieren dürfe - erst telephonisch Rücksprache hielt, dann auf die Toilette ging und mit frisch gebürstetem Haarschopf zurückkam. Die Uniformmütze korrekt unter dem Arm. Besucherhaltung.

 

Impressionen aus OrenburgImpressionen aus Orenburg


Besuchen wir noch mal das Moskauer Zentrum für Sprechpathologie und Neurorehabilitation mit seinem regierenden Fürsten, dem 79 jährigen Prof. Shklovsky.
"Wissen Sie, wessen Sie Hand Sie eben geschüttelt haben?"
"Der Vorgänger unseres Professors hat noch Lenin selbst behandelt!"
Der ehrfürchtige Nachdruck des jungen Mediziners ist durch keine Anzahl von Ausrufezeichen zu umschreiben und ich schaue wie ein Kind auf meine Hand, die von Shklovsky eben geschüttelt wurde. Aber sie gibt auch keine Antwort. Nur mein Kopf schüttelt sich innerlich, wie lange sich Zeremonien halten und mit ihnen Gestalten der Zeitgeschichte. Und manchmal ihre Jünger.
Abschied von Shklovsky mit beiden Händen, mit anschließender Umarmung und meinen ersten Männer-Küssen, rechts und links und wieder rechts. Freundschaft nach sechs Stunden und die Verabredung, über einen Kooperationsvertrag mit dem (kleinen, aber strukturähnlichen) Lüneburger Zentrum für Gesundheit, Pflege und Therapie, der Klinik Gut Wienebüttel und dem Uni-Krankenhaus Eppendorf, um die Zusammenarbeit zwischen Kliniken und Hochschulen zu sichern. Im Juli wollen die ersten Russen zum Austausch nach Hamburg und Lüneburg und zu einem deutschen Privatleben nach Allenbostel kommen. Junge Ärzte, Therapeuten, mit zum Teil denselben Ausbildungen wie unseren hier.
Nein, ich habe nicht genauer gefragt, was Professoren, Klinikchefs in Shklovskys Generation in den Zeiten des Stalinismus getan haben, haben sollen, haben könnten. Mir reicht die Information, dass viele der heutigen aktiven demokratienahen Politiker, Künstler und Wissenschaftler von Klinikchefs wie ihm dadurch gerettet wurden, dass sie zeitweise in Patientenzimmern untertauchen konnten. Ohne Gehirnwäsche o.ä.Behandlungen, mit denen auch unser 1000 jähriges Reich und alle moderneren Diktaturen "behandelten".

 

Decker-Voigt mit Kultusminister

 

Vom "Moin" zum "Dobry djen"

Orenburg, das Ende Europas.
Norddeutsche, niedersächsische Nachbarn sagen "Moin" als Zusammenfassung von "Guten Morgen", "Guten Tag", "Guten Abend" und "Gute Nacht". Die russischen Kollegen und Studenten in Orenburg sind präziser und wünschen diejenige Tageszeit, die gerade ist. Taxifahrer sind auch präzise. Im Abrechnen auf die Minute Wartezeit genau. Ich fuhr aber nur zweimal Taxi - auf den russisch-asiatisch geprägten Markt, auf dem die Waren teilweise auf Kartonunterlagen angepriesen wurden, vollgesogen mit dem ersten Schmelzwasser des Vorvorfrühlings.
"Du darfst kein Taxi allein benutzen! Wir schicken dir immer Autos!", kommandierte Tatjana und war ehrlich fuchtig, als ich mich einmal allein fortbewegt hatte. Das Misstrauen gegen die Ausbeutung von ahnungslosen Fahrgästen durch Taxifahrer gärt in Orenburg ebenso wie in manchen Städten Deutschlands oder wie in Rio oder Tokyo oder Tallinn, wo ich manchmal eine Stunde rumgekarrt wurde, um hinterher zu erfahren, dass die Strecke eigentlich 2 km betragen hatte.
Präzise in den Wünschen zwischen "Guten Abend" und "Gute Nacht", unpräzise in den Tages-Zeiten, die bekanntlich von Tages-Programmen unterteilt werden. Es wurde geändert, was die gedruckten Programm eben aushielten. Da wurde noch etwas hineingequetscht wie Besuche in katholischer, in evangelischer Kirche, jüdischer Synagoge, muslimischem Minarett mit jeweiligen Gesprächen mit den Geistlichen und Kirchen-Musikern, die auch was vom Westgast haben wollten. Offene, ehrliche Neugier und Dankbarkeit für die Abwechslung. Von manchen Plätzen aus ließen sich vier Religionshäuser gleichzeitig sehen. Mindestens von hinten und dort weniger restauriert wie unser deutscher Osten.
Herausgenommen dafür wurde dann ein kleiner Programmpunkt und dafür ein fünf-Gänge-Menü angesetzt mit drei Sorten Wodka. Das war in der Psychiatrie, bei einer Direktorin, in der ich Katharina die Große erkannte. Oder Maria Theresia. Groß, gewaltig in der Ausstrahlung, 45 Jahre im Dienst. Asiatisch -russisch unbermesslich in der Gastgeberschaft, von der ich - lukullisch - nur ein Drittel schaffte, weil abends ein Konzerttermin für Tatjana anstand, die hauptamtlich Pianistin ist und nur wegen ihrer Liebe zum Deutsch und deutscher Kultur Übersetzerdienste tat (sie spielte das Konzert mit zwei Wodka noch besser als in der Probe).
"Wodka trinkt man erst zu Dritt und mehr. Allein trinkt nur der Alkoholiker!"
Der Rest der ärztlichen Gesellschaft aß und trank allein weiter - gewohnt zu genießen, auch wenn der Blick gegenüber auf eine forensische Psychiatrie fiel (psychiatrisch behandelte Strafgefangene). Zwei Extremwelten auf engstem Raum.
Von benachbarter Gasprom und Ölquelle, die großes Geld bringen würden und dieses Hochhäuser, merken die Orenburger nichts. Die meisten Orenburger leben trotz landwirtschaftlicher Umgebung in der Größe unseres früheren Regierungsbezirks auf engem Raum sowjetisch-sozialistischer Wohnungsbau-Architektur. Eben Städter. Aber während deutsche Städte die Ab-Grenzungen und Anonymitäten von Nachbarn kultivieren, reden Orenburger viel miteinander. Ob sie sich nun lieben oder streiten, wenn jemand zu laut Klavier übt oder zu viel schreiende Kinder geboren hat. Keine Chance bei diesem Schnellreden, ohne Tatjana Resnitzkaja, meine Übersetzerin, auch nur ein Wort zu verstehen. Trotz meines Spickzettels mit mittlerweise 14 russischen Begrüßungsformeln aus dem Reiseführer. Auf den gucke ich noch schnell, bevor ich um die Ecke und durch eine Tür in den Hörsaal oder andere Vortragsräume trete. Sdrastwultje, dobry djen...Ansonsten bin ich auf Tatjana angewiesen, wie ganz früher vor dem Spracherwerb auf meine Mama.

 

Decker-Voigt mit russischen Studenten

 

Übersetztwerden - ein Kindheitszustand

Ich lebe jetzt zum vierten Mal länger abhängig von einer Übersetzerin wie von Mutter früher. An deren Hand trottete ich auch und hörte die Erwachsenen-Wörter, ohne deren Bedeutung zu verstehen. Dafür versteht das Kind sehr genau die emotionalen Botschaften im Gesagten. Und hier in Moskau und Orenburg hört das Kind in mir freundliche Botschaften, herzliche Botschaften, offene Neugier und Freude daran, das Eigene zu zeigen. Das Kind in mir hört Ehrlichkeiten, wenn Orenburger herzlich sind. Und es hört Ehrlichkeiten, wenn Orenburger auf dem Markt unauffällig um den westlichen Kunden zu streiten beginnen, andere weg-, sich vordrängen.
Sicher gibt's auch andere Moskauer und Orenburger bzw. andere Seiten in ihnen, sonst wären es Menschen nur mit Schokoladenseiten. Die Menschen in der Hochschule für Musik und Künste legen auf gute Töne in der Musik für Menschen wert. Die Menschen im Psychotherapeutischen Zentrum und in der Psychiatrie Orenburgs legen Wert auf heilsames Tönen zwischen und unter den Patienten und Kollegen. Die Mitglieder und der Mädchenchor im deutschen Kulturzentrum tönen grenzüberschreitend und die russische und deutsche Flagge hängt dort spürbar weniger aus politischen, als aus kulturellen Gründen. Selbst der Kultusminister legte legte bei einem Empfang weniger Wert auf Politik als auf Theater, Musik, Poesie. Das tun nicht alle Kultusminister.
Emma Stipanowna, im Ruhestand lebende Professorin für Deutsch und Ausbilderin meiner beiden Übersetzer dort, spricht ein Deutsch wie Wieland, Herder, Goethe…Druckreif, bühnenreif und durchtränkt von Bildung.
"Die Figur des Baron Instetten bei Fontanes Effi Briest ist die negativste Männerfigur. Vergleichen Sie dagegen Anna Karenina`s Mann. Oder den von Madame Bovary…" Bildung, die zuhause nur noch Spezialisten haben.

In der Orenburger Augenklinik, in der ich untergebracht war, weil diese noch bessere Appartements besaß als die besten Hotels - oder in den Orenburger Hochschulen, auf Markt und im Theater - merke ich nichts von der sonstigen Ausländerfeindlichkeit. Arbeit ist - woanders - nur für Russen da. Hier wird jedoch geplant, was man wie mit Westeuropa gemeinsam machen könne.
Wir in der BRD können von Orenburg lernen. Denn es leben in Orenburg Menschen aus 84 (vierundachtzig) Nationen. Ausländersein ist kein Problem, sondern die Regel. Sagt Igor Chramow, der Präsident der Stiftung Eurasia. Deutschland könnte Orenburgs jede Menge brauchen.
Was ich auch nicht hörte, auch nicht fühlte: Politische Einmischung. Die Putin-Regierung engt sicher ein und Enge hängt immer auch mit Angst zusammen: Für Opposition, für Journalisten…Aber die Geisteswissenschaften, Medizin-Berufe dürfen sich westlich orientieren ohne Vorschrift. Und Kunstwissenschaften teilweise. Musik ist ungefährlich…scheinbar.
Moskau ist gigantisch, Orenburg menschlich. Weswegen ich ausnahmsweise nicht viel Heimweh hatte. Wahrscheinlich im Gegensatz zu Katharina der Großen geb. Prinzessin von Sachsen-Anhalt-Zerbst, unter der nicht nur Orenburg aufblühte. Ein Putin ist nicht autokratischer als sie es war. Und umgekehrt.