Interview mit Alexander

     

Alexander traf ich beim Osterfeuer. Noch vor dem ersten Bier bat er mich dringend um sein Thema in der Kolumne. Ostern sitzt er mir im Interview gegenüber und trägt wie beim Osterfeuer im Dunkeln jetzt in der Sonne einen Hut, groß wie ein Wagenrad (Mittelklassereifen), darunter Sonnenbrille. „Auch im Schatten“ sagt seine Frau. Darunter trägt er zwei Handschuhe: Einen schwarzen und einen weißen. Black and white. Ohne Werbeabsicht für Alkohol. Im Gegenteil, Alexander ist weichgekocht, sagt er.
„Weicher als rohe Eier – vor Dank an so viele Menschen.“ Und an so viele verschiedene. Die er nie so kennengelernt hätte. Ohne diese Tour. Knapp drei Monate eben auf der üblichen Tour. Üblich, wenn etwas sehr Schlimmes geschieht: Hilferufe, Nachbarn von allen drei Seiten, Krankenwagen mit ebenso allererster wie menschlicher Hilfe. Das gleiche im Hubschrauber mit der Ärztin und einem Piloten, den Alexander bei der Landung in Boberg sagen hört: „Das ist mein vierter Tannenbaumbrand-Flug“. Und immer wieder das Bild von seiner Frau vor dem seelischen Auge, wie sie vor dem innen weiter brennenden Haus zwischen den Feuerwehren aus Ebstorf, Hanstedt und Allenbostel einschließlich Polizei stand. Überall war jemand, der anfasste, fragte, zuhörte, vorsichtig umarmte.

„Und Sie selbst?“, frage ich Alexander. Der hat sie auch gemacht, die Erfahrungen mit vertrauten und neuen Menschen. Vor dem OP, auf der Intensivstation und der Akutstation, in der Reha:
 

Erfahrungen mit Menschen weißer, dunkler und schwarzer Hautfarbe, allesamt in weiß gekleidet. Ärzte (lang), Schwestern, Pfleger, später Therapeuten (kurz). „Alle, wirklich alle wie zuhause auf der Straße voller Sorge, Für-Sorge. Für jede und jeden einzeln, der mit seinen Einzelteilen eingeflogen wird.“
„Und wie ging es zuhause weiter?“, frage ich. Alexander trinkt eilig Sprudel und erzählt noch eiliger weiter. Nach dem Löschen, in den Tagen und Monaten danach, in denen das Haus nicht bewohnbar ist, seien sie weiterhin und noch mehr gekommen: Menschen im Dorf und weit außerhalb einschließlich Versicherungsprofis, Gutachtern, Polizei und Kolleginnen von früher und jetzt und fragten Alexanders Frau, was zu tun sei. Und sagten, was nicht. Z.B. irgendwo allein zu schlafen oder Alexander hinterherzufahren. Dann die Post, Mails, Briefe von Menschen, die vorher nie geschrieben hatten. Jedenfalls nicht so.  
Alexander wedelt mit der Hand im schwarzen Kompressionshandschuh unter seinem schwarzen Hut („Häuptling Schwarze Hand“ unterschreibt er jetzt mit Druckschrift bei den Enkeln) und wir denken über die Kehrseiten von Unglücken, von Katastrophen nach. Je näher sie in der räumlichen oder geistigen Nachbarschaft passieren, desto mehr überraschende Seiten zeigen die Menschen. Gute, beste Seiten. Aus Mitgefühl – und manche auch aus Angst heraus, sowas könne ihnen selbst passieren und sie brauchen Hilfe.

„Ich wäre dabei,“ sagte mir Alexander, “jetzt mehr denn je.“



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Prof.Dr.Decker-Voigt@t-online.de

 
30. April 2019