Trauerarbeitshilfe

     

Eine geliebte Oma ist in ihrer Wohnung in der Stadt gestorben. Das ist nichts Ungewöhnliches, zumal im November, wo die Traueranzeigen sich häufen und die Blicke der sie Lesenden lang und länger werden, wie nah die Geburtsdaten der Verstorbenen den eigenen kommen. Oder man schon auf der Überholspur ist…
Auch, dass Omas geliebt sind und ihren Lieben etwas vermachen, ist nichts Ungewöhnliches. Ungewöhnlich ist jedoch, wenn das Ausräumen der Wohnung als direkte und deutliche Hilfe für die Trauerarbeit der Hinterbliebenen ist. Genauer für die zwei Enkelkinder. Sieben und fünf Jahre alt.
Die Fünfjährige fand ihn zuerst. Den 50-Euro-Schein hinter einem Vorhang, hinter dem Putzmittel standen. Bevor der Siebenjährige Neid entwickeln oder seine Eltern Erziehungsmaßnahmen einleiteten konnten, fand der Siebenjährige den zweiten Schein. Auch 50 Euro. Zwischen zwei Konservenbüchsen im Vorratsschrank. Der dritte Schein wartete im Stapel der Frottee-Handtücher, der vierte unter dem Fuß des Fernsehers.

Die Trauer wurde von einem Goldgräberfieber mit mindestens 39, 5 Grad durchsetzt, kurzzeitlich vielleicht vergessen. Die Kinder wurden hochrot und die Erwachsenen zuerst ratlos. Denn das Tempo des Suchens der Kinder nahm ebenso zu wie die Ungerechtigkeit. Nach dem Ersterfolg der Jüngeren systematisierte der Siebenjährige die Suche und fand allein 9 Scheine. In der Bettwäsche, zwischen Buchrücken,
 

im Elektro-Sicherungskasten…Insgesamt 650 Euro. In 13 Scheinen à 50 Euro.

„Oma hat das extra gemacht für uns. Damit wir nicht nur traurig sind.“ Kurz kehrte die Trauer zurück.
Die Eltern schwiegen zu dieser Deutung, weil sie die Vergesslichkeit der geliebten Oma kannten. Dafür sagten sie laut, dass das Geld geteilt würde. Und auf die beiden Kinderkonten käme. Naja, ein Fünfziger könnte aufgesplittet und ausgegeben werden. Lego-Fortgeschrittenen Kasten. Und ein Traktor. Mit Anhänger. 
Christine und ich hören diese Geschichte und überlegen: Wie, wenn wir etwas Ähnliches machen, aber planen? Geld verstecken und von den Enkeln suchen und finden lassen? Mit kleinen Grußkärtchen, vielleicht altersgemäß Gereimtem, das vom Geld ablenkt und uns Verstorbene in kurzfristige Goldrahmen der Erinnerung bringt?
Wie war das beim Prof. Freud in Wien? „Ritual ist Bewusstheit“.  Ist solch Versteckspiel mit richtigem Geld nicht Bewusstheitsschärfung für den Umgang mit Erbe und dem Andenken an die Erblasser?
In den Dörfern gab es die „gelungene Leiche“. Das waren Beerdigungen, bei denen die Trauernden hinterher gut aßen und tranken und dabei Geschichten aufleben ließen. Von der gelungenen Leiche.

Auch ein Ritual.



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Prof.Dr.Decker-Voigt@t-online.de

 
26. November 2019