Ach, Großmama – die Hansestadt!

     
Was wäre Deine Verlobung einfacher gewesen, wenn Uelzen schon damals den Titel einer „Hansestadt“ hätte führen dürfen wie jetzt seit einigen Tagen! Als du – selbstbewußte Tochter aus einem Hause, das in der selbstbewußtesten aller Hansestädte lag – zu deinem hanseatischen Herrn Vater gingst und sagtest, jemand aus dem Hannoverschen habe dir derart gefallen, dass du diesen Jemand ihm und deiner Frau Mama gerne vorstellen würdest, da – schien die Liebe gefährdet.
Er war zwar zunächst offen und neugierig, dein Vater. Erst als er fragte, von wo dieser Jemand genau herkäme und du sagtest „aus Holdenstedt bei Uelzen“ schlug er im Brockhaus – Lexikon nach, weil er Uelzen nicht kannte. Da stand dann unter Uelzen: „Kleine Händlerstadt mit landwirtschaftlichem Umfeld“ und er soll geschluckt haben, dein Vater. „Ach je – Uelzen…“
Was würdest du heute stolz vor deinen alten Herrn treten können und wenig später mit meinem Großvater vor den Traualtar, wenn es damals gehießen hätte „Hansestadt Uelzen“. Uelzen wäre damals als vielleicht eine der kleinsten Hansestädtchen unter den großen mehr aufgefallen als eine der großen Hansestädte unter den anderen großen wie Bremen-Hamburg-Lübeck-Wismar-Rostock-Greifswald an der Küste und all die Binnenstädte.
  Eine 5 m - Jolle in der Box eines Yachthafens oder gar auf auf See fällt mehr auf als eine 13 m Yacht und verfügt sofort über Alleinstellungsmerkmale, die die Mittleren und Großen unter den Großen nicht haben.
Nun – die Verlobung wurde trotzdem rechtzeitig vor dem ersten Weltkrieg erlaubt und dein Vater traute euch in Lübeck mit dem herabgezogenen Mundwinkel des enttäuschten Großhanseaten. Heute würde er nicht sagen „Ach je –Uelzen“. Heute würde er sagen: „Ach sieh an – eine Hansestadt. Ja, das wäre alles mit Uelzen als Hansestadt einfacher gewesen und du hättest nicht solche Ängste um die Heiratserlaubnis ausstehen müssen.
Aber nicht alles ist besser und leichter, Großmama! Du durftest damals noch dem Kaiser und König vom Straßenrand aus zuwinken, wenn der - selten genug - die Hanse besuchte, die mindestens so stolz waren wie die Hohenzollern. Und eben dies Winken darf man heute nicht mehr. Großmama, als jetzt der amerikanische Präsident Hannover besuchte, durfte man nicht mal an die Straße, ja, nicht mal vom eigenen Fenster aus Winkewinke machen.
Und wenn ich dir erklären wollte, wovor wir heute Angst haben (sollen) und was Terroranschläge sind – du würdest es lange nicht verstehen, was das ist.



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Prof.Dr.Decker-Voigt@t-online.de

 
26. April 2016