Bruder Stefan und das Open R Festival

     

Fast wäre ich mit meinem Besuch mitgegangen.  Zum  Open R auf das Albrecht-Thaer Gelände. Fast, aber der Freitag war schon vorbei mit dem Programm für meine Generation und danach wäre es mir zu laut geworden. Außerdem bin ich bange in einer solch großen Gruppe und fühle mich sicherer vor ihr oder hinter. Stefan liebt die Menge um sich herum und die Künstler auf der Bühne. „Alles kleine Götter!“ sagt er, obwohl er Mönch ist und nur einen Gott kennen sollte.
Bruder Stefan ist nochmal vier Jahre älter als ich und liebt Rock und Pop seit es Rock und Pop gibt. Er ist ein Benediktiner, aber das sieht man nicht: Jeans, Turnschuhe, Sweatshirt mit Aufdruck, der auch in seinem Gesicht Ausdruck findet: Freundlich ohne Ende, aber ohne das ewige cheesing mancher Geistlicher.
Stefan lebt in einer ebenso kleinen wie einsamen Abtei in der Eifel und liebt die Stille zum Fühlen, Denken, Schreiben und die vielen Meditationen. Ebenso sucht und besucht er das Gegenteil und sieht nur mit eben diesem Gegenteil seinen Teil der heimatlichen Stille als Ganzes. Kaum las er vom Open R Festival in der Almased-Arena (er weiß auch, was Almased ist, obwohl er doch Mönch ist), radelte er von Allenbostel zur Verkaufsstelle in der AZ (19 km) und erwarb ein Ticket mit dem er strahlend zurück radelte, 24 km, weil er noch im Kloster Ebstorf hereinschaute und dort ebenso unerkannt blieb wie in der AZ.

 

Der Beat kann ihm gar nicht hart, die Klangschichtungen gar nicht dicht, die Sänger – und tausend Mitsängerstimmen gar nicht vital genug sein. Bruder Stefan schwärmt eben für kraftvolle Liturgien in seiner Kirche und für kraftvolle Musik seiner Zeit. Unserer Zeit. Sowie für Stille, um meditieren zu können.
Bruder Stefan macht es richtig: Er fasst Teil und Gegenteil in sich zusammen, er integriert die zusammen gehörenden Extreme in sich. Manche Teile haben sogar viele Gegenteile, predigte er nach dem Konzert ein bisschen und meint Musik und Menschen.

Er nickt, als ich ihm von der Elefantenstudie erzähle, in der eines der vielen Studienergebnisse alle daran Forschenden überraschte: Man befragte in verschiedenen Städten ältere Schulkinder und Jugendliche in einem Testgespräch mit anschließenden Fragebogen und Auswertungen nach der Rangliste ihrer Wünsche nach Veränderungen in ihrem jetzigen Leben: Mehr Disko, mehr Party, mehr Schule, mehr McDonald, mehr digitale Spiele, mehr Familie usw. An einer unauffälligen Stelle in der Wunschliste stand „Ruhe/Stille“.  Und eben diese wurde von den befragten Kindern und Jugendlichen nach oben gehievt. Auf Platz Eins. Ruhe/Stille. Und gleich danach Musik. Ihre Musik. Bruder Stefans auch.



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Prof.Dr.Decker-Voigt@t-online.de

 
25. Juni 2019