Der Karton und sein Inhalt

     

...waren in vielen Zeitungen. Ein Riesenkarton. Seine Pappe wirkte funkelnagelneu und er war an einer Seite geöffnet, so dass Kleinkinder dort hätten hineinkriechen können, wenn der Karton plastische Realität gewesen wäre. Wir Zeitungsleser sahen nur hinein und sahen ein Etwas in einer der hinteren Ecken des Riesenkartons. Ein winziges Etwas namens Packware.
Weiter zu lesen war gedrucktes Geschrei um viel zu viel und großes Verpackungsmaterial und viel zu kleine Inhalte.
Ich finde dieses Foto vom Karton, den Artikel darin und den Artikel eines Autors drum herum genial. Er beschreibt gleichzeitig die derzeitige Sprache der Mehrheit unserer Politiker.
Sie sprechen zu uns Nachrichtenkunden mit ernster Bedeutung in Interviews vor zig Mikrophonen. Sie reden in großen Räumen der Talkshows nicht zu unbedeutend kleinen, stummen Zuhörerscharen, sondern wieder überwiegend zu uns. Sie richten in einem Plenarsaal einsam am Rednerpult viel zu hehre oder viel zu leidenschaftliche Reden an die jeweiligen politischen Gegner, die teilweise wieder mehr Feinde sind.

Diese äußeren Rahmen politischen Redens und dessen Inhalte sind wie der Karton, wie die Kartons von Amazon und Co.: riesig. Die Inhalte darin: winzig.
Das Auge muss in diesen Kartons auf Suche gehen, um etwas wirklich Inhaltliches zu finden. Unsere Ohren müssen bei den meisten unserer gegenwärtigen Redner auf Spuren-Suche gehen, um neue Inhalte zu erlauschen.

 

Die Mehrzahl des Gefundenen ist aber nicht neu (wie der Inhalt des Kartons).

Ich zählte in einer Woche Abend-Nachrichten bei 18 Rednern diese Worte: „Ich gehe davon aus...“ (es ging um den skandalbedingten Niedergang der einen und den Aufstieg der anderen Partei). Bei 9 (anderen Rednern) „Das ist nicht mehr akzeptabel...“ (es ging um Tote). Bei 31 (überschneidend mit erster Gruppe)“Es
ist nicht diskutabel…“ (Corona-Virus).
Im Karton der Politik wird sich bei nicht mehr zu verheimlichenden Fehlern entschuldigt. Nur: Politiker entschuldigen sich selbst: „Ich entschuldige mich“. Nur wir, der Souverän, wir Volk, können das.
Ostniedersächsische und bayerische Kommunalpolitiker (mehr kenne ich nicht) sind vielleicht hier und da etwas gröber gestrickt, hauen auch mal mit der Faust oder wie Chruschtschow mit seinem Schuh (auf den Tisch). Aber klar sind sie. Sonnenklar.
Im großen Karton wird wieder mehr geglaubt. “Ich glaube...“, ist der Renner in besonderen politischen Nöten, die uns jetzt befallen haben (frei nach Luther). Nur, dass früher gesagt wurde, an wen geglaubt wurde.
Ich glaube auch, dass die Kartons besser an die Inhalte angepasst werden müssen. Nein, ich weiß das. Ach was, ich fordere das. Im TV-Interview klänge das so: Ich glaube, dass unser gegenwärtiges Wissen zu der Forderung führen müsste, dass sofort und nachhaltig erst die Packware gemessen und dann die Kartons zugeordnet werden.

Nicht wahr? An mir ist ein Politiker verloren gegangen.



Den Autor erreichen Sie unter:

Prof.Dr.Decker-Voigt@t-online.de

 
25. Februar 2020