Der Bundesverkehrsminister und ich

     

Im ZEIT-Magazin wurde kürzlich nachgedacht über die Frisur vom Bundesverkehrsminister Scheuer. Seine ist ganz Corona-konform. Nämlich vorne durch Gel noch salonfähig, aber hinten hängt es schon. Auch ein Regierungsmitglied gehorcht dem, was die Regierung gebietet: kein Besuch von Friseursalons!
Das regt mich an, auf die vertrauten Köpfe unserer Region zu schauen, also die Bilder in dieser Zeitung im Blick auf die Haartracht noch genauer zu studieren. Und mein Blick erblickt nichts. Nichts an Änderungen. Die Fotos unserer regionalen Rollenträger vor Corona zeigen dieselbe Frisur wie jetzt in Corona: keine Veränderungen in der Frisur beim Hansestadt-Bürgermeister Marquardt. Dasselbe beim Propst Hagen. Ach, ich könnte noch vielen mehr die Frage stellen, ob sie sich eigentlich an das Gebot halten, keinen Friseur, keine Friseurin aufzusuchen? Gehen sie heimlich dahin, wo man öffentlich nicht hin darf? Schon gar nicht als öffentliche Person? Was hieße, dass es einen ungesetzlich geöffneten Salon gibt. Oder haben sie jemanden, der oder die ihnen den Kopf wäscht – und das Haar dabei mitschert?  Ähnlich wie meine Großmutter Thea, die ihren vier Söhnen mit Hilfe eines leeren und umgedrehten Blumentopfes die Haare (rund)schneiden ließ. Vom Friedhofsgärtner, der am meisten davon verstand, weil Grabschmuckpflege Parallelen zur Haarschmuckpflege zeigt.

 

Es gibt auch unzweideutige Beispiele: Pastor Minhaard von der Woltersburger Mühle, der hält sich klar an das Verbot, zum Friseur zu gehen. Oder auch Herr Schultz in Ebstorf. Das Haar des Theologen Minaard wuchert vital in alle möglichen Richtungen, was heißt: Der Mann gehorcht. Schultz braucht nicht zu gehorchen. Der hat diese zeitlose Haartracht. Nämlich keine. Moderne Glatze.
Jetzt frag ich mich – wie wirke ich? Die Psychologie nennt das „vermutete Fremdwahrnehmung“. 
Deswegen lasse ich mich am Klavier handyfilmen. Am Klavier sitzt man bekanntlich mit dem Rücken zu den Zuhörern, auch zu Schwager Fritz an der  Kamera. Und was sehe ich in dessen Mitschnitt? Ich zeige keinen Schnitt, kann mich wie Minister Scheuer und fast wie Herr Minaard klar als gehorsamer Bürger zeigen. Man sieht meinen Bürger-Gehorsam nicht unbedingt von vorne, aber eben  von hinten. Das Haar liegt nicht nur auf dem Hemd- und Pullikragen auf. Es hängt inzwischen hinten hinunter. Mein Meister Strosik in Ebstorf wird viel zu tun bekommen. Nach der Krise. Falls sie andauert: Rokoko-Zopf.

Es wird – wie immer nach Krisen – Wettbewerbe geben. Wer hat die Krise am besten gemanagt? Wer folgte Geboten und Verboten Folge vorbildlich? An den Haaren sollt Ihr es erkennen. Die, die beim professionellen Frisierblick (Vorher-Nachher) gleich aussehen – die waren entweder nicht gehorsam. Oder hatten Blumentöpfe o.a. zuhause.



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Prof.Dr.Decker-Voigt@t-online.de

 
21. April 2020