„Ich zeige an…“

     

„Ich freue mich, Sie miteinander bekannt zu machen“, sagte ich und gucke zu Herrn Schultz im Türrahmen, mein ITler, und Herrn Schlüter in der Terrassentür, meinem Aufnahmeleiter und Studiochef. Dabei breite ich die Arme aus wie der eine der Wetterfrösche im Ersten bzw. wie Jesus. Denn die Herren trennten mindestens 6-7 m Abstand, die ich – der ich dazwischen stehe - symbolisch verkürzen will.

Da sagt der eine zu mir: „Ich könnte Sie anzeigen – wir sind jetzt drei Mann im Raum. Ohne zur Familie zu gehören. Und ohne Mundschutz“.

Das war vor ganz kurzem, als Besuch gesetzlich verboten war. Es war ein Witz und wir lachten, aber solches Lachen liegt dicht am Heulen. Denn Corona hat eine weitere Aktivität geboren:  Neben der Lust am Anzeigen in der Zeitung von Geburt, Heirat und dem Gegenteil von Lust: Dem Anzeigen vom Tod eines geliebten oder kollegial wertgeschätzten Menschen – zeigen wir nun an, wo Abstandsregeln verletzt werden.

Corona gebar diese neue Anzeigenart. So intensiv genutzt, dass manche Polizeidienststellen in manchen Städten (und in einem Dorf in der Nähe) sogar öffentlich bettelten,

 

nicht mehr Meldung zu machen, wenn irgendwo sich welche unter 2 m nähern. Wenn von einem Spielplatz Lachen herübertönt. Wenn zwei sich umarmen…

Ich gucke bei sowas neidisch herüber. Weil auch ich meine Töchter und Enkel und etliche andere gerne wieder umarmen würde. Aber ich tue es nicht. Ich gehorche.

Und da haben wir ihn. Den Grund, weswegen wir manchmal auch gerne anzeigen. Denn da macht jemand etwas gegen die Regel, gegen das Verbot – was ich insgeheim auch gerne machen würde, aber es mir verkneife. Ich bin ein guter Bürger, der die jeweilige Ordnung aufrechterhalten hilft. Ob bei Corona oder bei Rot an der Ampel.

Denn ich sehe: Da nimmt sich jemand die Freiheit, auf die ich verzichte! Deshalb zeige ich an. Diese Lust kann noch gesteigert werden, in dem ich anonym anzeige.

Nein, Herr Schultz und Herr Schlüter wollten mir nicht drohen. Aber der Spaß war Ausdruck von überhaupt nicht Lustigem. Es war Ausdruck unserer Last mit dieser Corona, dieser Krone auf und in unseren Köpfen.




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Prof.Dr.Decker-Voigt@t-online.de

 
19. Mai 2020