Über Religion und Politik...

     
…wird an Tisch und Stammtisch nicht geredet, weil in Folge der Debatten oft genug die Tische und die an ihnen Sitzenden Schaden erleiden. Wir sollten zu Religion und Politik heutzutage auch Musik hinzufügen. Schreiben kluge Menschen. Denn: Musik verbindet keineswegs alle und spaltet heute ebenfalls. Lärmmusik gegen Kuschelmusik, Bachkantate gegen Rap, Bildungsbürger gegen Masse, Alt gegen Jung. Hier führe ich den Gegenbeweis. Derzeit liege ich in einer Klinik, die räumlich mit 180 % ...überbelegt und personell unterbesetzt handeln muss. Deshalb gibt es keine Einzelzimmer. Doppelzimmer bedeutet, dass sich zwei gänzlich verschiedene Welten zwangsweise vertragen, indem sie die Andersartigkeit respektieren. Oder es zeigt sich ein Drittes. Wie an diesem Sonntagmorgen in Zimmer 1: Der Oberpfleger Jessen nimmt den Verbandswechsel bei meinem Zimmer- und Bettnachbarn Moritz vor - und ich mir den Kopfhörer für den musikalischen Anhang einer Mail. Christine hat für mich ein Bachpräludium geübt und auf ihrem Handy eingespielt.   Versehentlich schwingen beim Stöpseln der Kopfhörer die ersten Takte laut durch den Raum. “Oh“, sagt der Oberpfleger und strahlt rüber. „Lassen Sie`s doch laut. Ich liebe Bach, blies früher Bachtrompete.“ Dann wendet er sich an Moritz. “Oder magst du keine Klassik?“ Der schüttelt den Kopf. Rap, Hardrock, sowas liebe er. Christines Töne waren immer noch zu hören und der Oberpfleger sagt etwas davon, dass jede heutige Popmusik auf den Schultern von Bach, Mozart und Konsorten stünde. Dann summt er leise zur Musik aus dem Handy mit. Bevor mir das Rückstöpseln gelingt und die Musik nur mir gehört, fällt mir Jacques Loussier ein, ein Genie im Verjazzen von Bach. Ich rhythmisiere mit dem Kugelschreiber am Zahnputzbecher. Moritz neben mir nickt, ich nehme den Teelöffel hinzu und wir spielen zu dritt weiter. Oberpfleger vokal, mein Zahnputzbecher und Christines Bach. C-Moll. Mein Nachbar lässt sich das Stück nennen. Er wird es sicher nach seiner Entlassung auf YouTube finden und vielleicht Fan.



Den Autor erreichen Sie unter:

Prof.Dr.Decker-Voigt@t-online.de

 
19. Februar 2019