Meinetwegen kann Corona…

     

…ruhig andauern. Unter einigen Aspekten, natürlich nur.
Z.B.: Schon und noch lange ist Händeschütteln untersagt. Wie gut! In etlichen Fällen. Denn z.B. vor dem Händedruck von Marco fürchte ich mich schon Stunden vor seiner Ankunft. Marco liebt erstens die Büroleiterin unseres Instituts und daneben ist er in der Leitung des Fuhrparks des Hamburger Senats. Gleichzeitig wirkt er (als) Bodyguard - ohne einer zu sein: Einsneunzig lang und - fast - so breit wie ich lang bin. Entsprechend hat er keine Hand zum Händeschütteln, sondern eine Pranke. Obwohl er sich Mühe bei mir gibt, kann ich am nächsten Tag nie Klavier spielen.
Da lobe ich mir Corona, weil Marco mir nicht die Hand schütteln darf, sondern dafür an seine Brust bollert und Schatten beim angedeuteten Diener wirft.

Gegenteilig Cousine Ulrike. Sie war immer schon sehr etepetete und reichte seit dem Scheitern ihrer einzigen Love Story nur die Finger ihrer Rechten bis zum 2. Glied (Ringfinger), um dem Handreichen sofort den Entzug folgen zu lassen. Tante Ulrike gab mir dadurch bereits zu Beginn der Begegnung auf den Familientreffen das Gefühl, mich allein schon für die Berührung der Finger entschuldigen zu müssen, was durch die Zwangsumarmung für Tanten nur noch potenziert wurde. Viele Treffen, die abgesagt wurden, bedauere ich. Einige betrauere ich gar. Aber dass die Familientreffen derzeit untersagt bleiben, auf denen die Flutwelle der Verwandtschaft 2. und 3. Grades anrollt, ist mir lieb.
 

Denn es gibt in einer Großfamilie immer mehrere Ulrikes, Cousinen und Tanten mit ihrem Händereichen und ihren Umarmungen, die einen gefrieren lassen. Und in Kreisen von manchen Kollegen leider auch. Nicht nur Virologen zanken um den Apfel der Öffentlichkeit, der deshalb auch Zankapfel heißt.
Apropos Umarmungen: Der Psychotherapeut und Philosoph Paul Watzlawick wies auf den Zusammenhang von Umarmen und Brillen hin. Bei Umarmungen derer, die sich mögen, klappt alles. Bei Umarmungen mit jemandem, den man/frau unvermeidlich umarmen muss (und man selbst und der andere Brillenträger ist) – dann verhaken sich die Brillen, behindern ihre Träger und verhindern die Vollumarmung. Manchmal geht auch ein Brillenbügel entzwei und solch Entzweien entzweit die behinderten Träger noch mehr.
Auch das gesellschaftlich erzwungene Händeschütteln mit Menschen, die wir nicht ausstehen können, klappt oft nicht und die Hände schieben sich aneinander vorbei. Statt ineinander.

Corona nimmt mir derzeit manche Marcos, Ulrikes und Kollegen dieser Welt ab. Und lässt mich vorfreuen auf das Berühren, das Schütteln der Hände und die Umarmungen derer, die ich mag, liebe, ersehne. Ich freue mich sogar auf Marcos Pranke, in der meine Hand verschwindet und sich nicht winden kann vor Druckschmerz. Aber Marco mag ich eben sehr.



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Prof.Dr.Decker-Voigt@t-online.de

 
16. Juni 2020