Von Weizsäcker und Bostelwiebeck

     

Es war nur eine kleine Broschüre, die aber das riesige Jahrzehnt der 70er Jahre mit prägte. Sein Autor, der Physiker und Philosoph Carl-Friedrich von Weizsäcker stellte die Frage, was sein würde, wenn der Kalte Krieg enden und die aggressiven Energien der beiden Blöcke Ost und West (repräsentiert durch Sowjetunion und USA) freigesetzt würden. Seine Antwort: Mitnichten Frieden. Die Energie-Unmengen der Kalten Kriegsgegner würden sich auflösen in unzählige kleine und kleinste Kriege, in „Brandherde“. Allüberall.
„Terrorismus“ war noch kein Begriff, der wie heute alle Köpfe nicken lässt.
Die kleinen Brandherde des Terrorismus bedienen sich der Metalle, vom Panzer bis zum Klappmesser und chemischer Dosierungen vom Säuregemisch bis zur Bombe.
Es geht aber noch schlimmer. Seit wir Menschen unsere Hirnareale entwickelten zwischen Frontalhirnlappen und Amygdala können wir sprechen, können wir Sprache entwickeln und diese schreiben. Seit Beginn des Internet als größte und schnellste Zeitung der Welt gibt es wunderbar einfache Zugänge zu wunderbarem Schnell-Wissen und ebenso einfache Zugänge zu Schnell-Zerstörungen.

Die inflationär beklagte Verrohung der Sprache, die Zunahme von Hass und Vernichtungslust ist eine mindestens ebenbürtige Terrorwaffe wie Messer, Panzer und Granaten. Wir können mit unserer Sprache noch mehr und noch winzigere Kriege entwickeln als v. Weizsäcker sie mit den Brandherden meinte:
 

In politischen Gegnerschaften, die Feindschaften wurden, in gespaltenen Familien, Vereinen. Dorfgemeinschaften, Freundschaften…

„Aggression“ (von lat. ag-gredi=aufeinanderzugehen) zweiteilt sich: In jedem von uns steckt konstruktives Aufeinanderzugehen (Kollegialität, Respekt, Sympathie, Liebe). Und das leider zugehörige Gegenteil destruktiver (zerstörerischer) Aggression.
Zur Verstörung und Zerstörung nutzen wir mehr denn jemals zuvor  für Angriff wie Verteidigung oder Gegenangriff alle etwas, was vor kurzer Zeit noch als „Kultur“ galt: Unsere Wörter.
„Dem Arschloch gebe ich nie mehr die Hand“ hörte ich jemanden auf einem Empfang (!) sagen“Das ist der nicht mehr wert!“ Sind wir also (wieder) soweit, uns lebenswert und andere lebensunwert zu finden? Armes Grundgesetz!

Die Bostelwiebecker Theatergruppe will ihre finanzielle Förderung durch das Land Niedersachsen investieren in folgende Weiterbildung: Wie m/w/d (wir also) mit uns umgehen sollen, wenn - z.B. - in einer Veranstaltung Hakenkreuze, SS-Embleme oder ihre Nachfolger getragen werden. Ein tolles Projekt, ein nötiges, notwendiges, vielleicht ein not-wendendes Projekt! Für uns hier…



Den Autor erreichen Sie unter:

Prof.Dr.Decker-Voigt@t-online.de

 
15. Oktober 2019