Von heiligen und unheiligen Geistern

     

Vor und während des Pfingstfestes redeten sie wieder. Grußworte. Es redeten Schützenkönige, Land- und Stadtrat, verschiedene Bürgermeister in Ost und West mit Zentrum Uelzen. Ob beim 35jährigen Jubiläum des Seh-und Blindenverbandes Uelzen am Donnerstagabend im Uelzener Rathaus, wo auch zusätzlich hochverdiente Ehrenamtliche sowie Verbandsrepräsentanten und auch noch ein Wissenschaftler redeten, ob auf Schützenfesten oder Hoffesten, auf privaten Frühstücksgroßclubs und selbstverständlich in den Kirchen – es wurde geredet.
Mal waren verdiente Ehrungen angesagt, mal automatische. Mal war man selbst das Zentrum der Rede, mal der Verein, mal Gottes Wort. In jedem Fall wurde geredet, vereinzelt gesungen. In den Kirchen wie immer und in manchen Schützenvereinen deutlich lauter.
Es war und ist wie immer - also auch ohne Pfingsten und die Herbeirufung des Hl. Geistes (lat. Ad-vocatus=der Herbeigerufene) – hochspannend, wie und was geredet wurde.  Und vor allem: Wie lange.

„Sie dürfen über alles predigen – nur nicht über zehn Minuten!“ Dieser Rat eines Pastors an seinen Vikar wurde ein „running gag“ seit es überlange Predigten gab, also fast ewig. Die längsten waren bis 1968 Predigten in Hermannsburg. Bis zu 3 Stunden lang, incl. allerdings belebender Gesänge. In diese zu langen Wörter Gottes durfte ich Malsachen, Tom Sawyer samt Huckleberry Finn und Knetgummi mitnehmen.
 

In diese zu langen Wörter Gottes durfte ich Malsachen, Tom Sawyer samt Huckleberry Finn und Knetgummi mitnehmen.

Bei Grußworten ist die Kunst noch größer als in zehn Minuten eine Pfingstpredigt mit Nachhaltigkeit hinzulegen. Grußwörter sollte man gesetzlich zeitlich begrenzen. Beim Blindenverband war es (fast) vorbildlich mit u.a. den Profi-Rednern wie Landrat, Stadtrat u.a.. Woanders vermehren sich die Wörter zum Gruße wie Schilf am Teichrand oder Mücken ab 18 Uhr.
Ein guter Geist zeigt sich auch in der Rücksicht auf Zuhörer. Aber manche Zuhörer werden zwangssozialisiert, besonders die höflichen. Es unterschieden sich – wie immer – diejenigen, die für andere sprachen, dankten, gratulierten von  denjenigen, die für sich selbst sprachen. Solche sind dann von allen guten Geistern verlassen.
Der arme Hl. Geist, eigentlich herbeigerufen, um in den Gesellschaften zu trösten, zu ermutigen, Zuversicht zu verbreiten unabhängig davon, ob man den lieben Gott und den Hl. Geist überhaupt kennt, gerät so in die Gefahr der Abhängigkeit von Zeitmaßen.

Auf meiner Fußmatte vor dem Haus steht in Messing eingelassen „Est modus in rebus“ lat. = „Das Maß liegt in den Dingen“. Wobei man wissen muss, dass die Antike mit „Ding“ den Menschen meinte. Das Fußmattengeschenk ist nicht nur ein Geschenk gewesen, sondern auch eine Mahnung.



Den Autor erreichen Sie unter:

Prof.Dr.Decker-Voigt@t-online.de

 
11. Juni 2019