Little women

     

So hieß der Film, in den Christine und ich jetzt gingen. Auswärts. Keine große Auswahl wie im Böhm`schen Kino-Kingdom in Uelzen.
Little women. Kleine Frauen im Film und kleine Frauen direkt vor uns. Klein wirkten sie deshalb, weil die Stuhlreihen im Kino steil hochgingen. Wie in alten Hörsälen. Sie waren auch keine Frauen im Sinne von Damen wie die im Film. Sie waren Teenies, so zwischen 12 und 16 Lenze jung und Jungen hatten sie neben sich. Der Film war nicht ab 12, auch nicht ab 6. Er war ab „O“, obwohl es eine Null-Lebensaltersstufe gar nicht gibt. Und er wurde echt kitschig.
Kern der Handlung: Familienleben im neuenglischen Amerika, 2. Hälfte 19. Jahrhundert, Papa im Krieg, Mama allein, sauber, ärmlich. Vier reiche Töchter, reich an Jugend, Schönheit spätbiedermeierlicher Bildung, arm an pubertärem Lebensraum. Nach und nach tauchen sie auf, junge Herren: Armer Hauslehrer, reicher Schnösel usw.. Folge: Versteckte Blicke, bange Berührung, Anfänger-Küsse. Dramen und ewige Schwüre waren zu erwarten. Und kamen.
Christine dachte an Sissy-Filmliebe, ich an Immensee-Filmliebe. Wir beide zusammen an unsere wirkliche.

Das eigentliche Hauptereignis des Films fand aber nicht im Film statt, sondern direkt vor uns. Schräg vor mir begann ein Teenie beim ersten Kuss mit Erröten den Kopf zu schütteln, beim zweiten zu protestieren. „So ein Blödsinn!“
 

Die Nachbarin nickte, steuerte “total doof!“ bei. Etwas entfernter in der Reihe dieser Generation „Z“ vor uns entschieden sich weitere Mädchen zur Abwehr des Films rein.  Gnickern, Kichern, dazwischen: „Kann doch nicht wahr sein“„So`n Kitsch!“. Einige Zeigefnger sah ich, die an die Stirn getippt wurden und sich kaum davon  lösen konnten. „Die spinnen ja!“ Und immer wieder: „Peinlich!“ Mit lang gedehntem „i“.
Die beiden männlichen Nachbarn unter mir in der Reihe zogen ihre Arme von den Schultern ihrer Nachbarinnen ab und die wenigen Worte zurück.
Je mehr sich die Dinge im Film zuspitzten, desto klarer die Abwehrfront vor uns: Es wurde traurig im Film und die junge Dame direkt zu meinen Knien ging mit. „Oh GottoGottoGott, wie trauuuuuurig!“ Die Ironie biss derart zu, dass ihr männlicher Nachbar sich beeilte, sein Murren in verbale Zustimmung zu wandeln wie ein beflissener Wiener Ober. „Sehr richtig!“ Wurde es glücklich im Film, wurde der Protest drastisch: „So viel Geld für so`n Scheiß-Film.“
Nach dem Film traf ich die Truppe im Vorraum der Toilette. Sie konnten sich offenbar nicht trennen.Nicht mal für die Dauer eines Toilettenganges. Der Film wiederholte sich real: Versteckte Blicke, flüchtige Berührungen, zwei unbeholfene Schnell-Küsse.

Klar:  „Little women“ war Kitsch. Und ab „0“ Jahre. Und trotzdem steckt er an.



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Prof.Dr.Decker-Voigt@t-online.de

 
11. Februar 2020