„Was macht Ihr da mit Euch?“

     

Frageort: Staatl. Medizinische Metschnikov-Uni in St. Petersburg, wo ich alle Vierteljahre unterrichte. Fragende: Tatjana, Kathrin, Sergej, Michael u.a. im Kollegenkreisaus Psychologie, Medizin. Frageanlass: Rechtsradikalismus, Linksradikalismus, Ultrarechts und Ultralinks und ihre terroristischen Ableger bei uns.
„Sound“ der Frage: Besorgnis, Unverständnis, Angst davor, in Deutschland den berechenbaren Ansprechpartner zu verlieren gerade, weil auch die Berechenbarkeit in Russland schwindet mehr denn je.
Meine Gesprächspartner fragen das öffentlich (Kamera, Podium) und fragen mit selbstkritischer Ehrlichkeit hinsichtlich des eigenen politischen Geschehens um sie herum (Putins zaristische Sehnsüchte, Demos mit „Entnahmen/Festnahmen“ der Demonstrierenden usw.).

Ich berichte dort: Von kleinen wie großen Strömungen, die bei uns den Rechtsradikalismus bekämpfen. Z.B. der regionalen tapferen zivilen „Beherzt-Gruppe“, berichte über die kontroversen politischen Debatten und Ausgrenzungsabsichten in Familien, Freundeskreisen, in lokalen, regionalen Parlamenten, in Landes- und Bundesparteienlandschaft. Ich berichte über das in Ostdeutschland „schweigende Drittel“ (die ZEIT), die die AfD wählt, aber immer noch friedlich zu wählen meint, keinen Bürgerkrieg.
 

Die Russen wissen davon kaum. Sie kennen deutsche Spitzenpolitiker, die in russischen Medien sich mischen mit Politikern von ganz Links und ganz Rechts wie beim Klassenphoto, nur einzeln. Sie hören gebannt zu, als ich aufzähle und bei Seehofer anfange („Blutspur durch Deutschland“ durch die terroristischen Ableger von Ultrarechten und  Ultralinken), um bei Pastor Wilfried Mannecke in der Heide noch nicht aufzuhören, der seine Kräfte investiert in nötigste Aufmerksamkeit und Sensibilität gegenüber Rechts und mehr als Rechts. Ich erzähle von unseren Fallen hierzulande: Je mehr Kampf gegen Radikalismus der einen Seite desto mehr Kampf auf der anderen. Folge: Angst vor Chaos und Verlust letzter Ordnungen. Folge daraus: Zutrieb zu denen, die alte und neue Ordnungen meistversprechend verkaufen.
Ob wir in Deutschland kollektive Ängste hätten? So wie z.B. an russischen Universitäten? Ja, natürlich. Und natürlich sei es eine derzeit hohe gefragte Kunst, zwischen wichtiger Warnung und Panikmache zu balancieren. 

Ich fliege zurück in der Dankbarkeit, dass wir unsere Politik (noch) frei gestalten und unsere Meinungen äußern können. Leider alle Meinungen. Aber dies „Leider“ als Hauptmerkmal einer Demokratie will als Kreuz getragen sein wie die Kreuze ohne Haken und für Vielfalt. Ja, bisher wissen wir (noch), was wir mit uns machen.



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Prof.Dr.Decker-Voigt@t-online.de

 
10. März 2020