Hotelkontakte und Nostalgie

     

Ich lebe wieder mal im Hotel und suche verzweifelt  Steckdosen. Zwei gibt es. Je einen im Bad für Rasierer und einen im Zimmer, aus dem bereits der Fernseher sein Leben bezieht. Ich brauche aber mindestens noch drei weitere. Für die elektrische Zahnbürste, fürs Laptop und das Handy schreit nach Saft im Akku. Ich werde nostalgisch, sehne mich nach alten Zeiten, wo der Mensch nicht mit einem Mini-Elektronikladen verreisen muss, um berufsmäßig und liebeslebensmäßig in Kontakt, update zu bleiben.
Beim Zwischenstopp zuhause schlage ich nach, woher Nostalgie eigentlich kommt. Nachschlagen bei Wikipedia? Nur notfalls. Ein gutes Wörterbuch gibt einem (mir) immer noch mehr als Internet. Auch, wenn das Zweite aus dem Ersten abschreibt. Und wer hat, der hat. Ich habe den guten, alten Menge-Güthling, Griechisches Wörterbuch.  Buchrücken 9 cm dick. Man muss übrigens altgriechisch lesen können in diesem alten Schinken. Nostalgie also.

„Nostos“ heißt zunächst nur Rückkehr (in Heimat). „algos“ Schmerz. Nostalgie könnte also auch benutzt werden, um eine Rückkehr in die Heimat zu beschreiben, die völlig daneben ging, misslang. Gar nicht selten, weil die zuhause sich auch verändert haben und nicht nur man selbst. Gar nicht selten bei Vielreisenden, dass nicht nur Abschiede, sondern auch Heimkehren schmerzen. Aber Nostalgie meint Komplizierteres. Es ist jene Seelen-Stimmung, die aufgrund der aktuellen misslichen, defizitären  Umstände (allgemein soziale Einsamkeit oder Sehnsucht nach bestimmten Personen oder Gegenständen) Heimweh nach Früherem, Vergangenem auslöst. Psychologisch kann Nostalgie krankmachen und nicht nur im Einzelfall  zum messie-haften Sammeln von Altem führen, weil
 

die Vergangenheit immer besser gewesen sein soll als das Hier und Jetzt.

Bei mir waren es jetzt die fehlenden Steckdosen, die mich frühere Zeiten ersehnen ließen, nostos und algos zwangskombinierten. Denn ohne aufgeladenes Handy kann ich nicht mit Liebsten telephonieren (moderne Hotels, auch gute, haben keineswegs ein gesondertes Telephon auf dem Nachttisch und wenn, dann kostet es so viel, dass die häusliche Buchhaltung bei der nächsten Telekomabrechnung ihren Augen nicht traut.) Manche Länder, wie das, in dem ich gerade bin, liegen eben doch noch nicht in der EU mit deren Tarifen. Oder die fehlende Steckdose jetzt fürs Laptop, mindestens Tablet: Für E-mailschreiber, Journalisten, Schriftsteller, Kolumnisten lebensnotwendig, weil Kontakte lebensnotwendig sind.
Was waren das für Zeiten, als der Mensch noch ohne elektrische Zahnbürste reiste, nur mit handbetriebener Zahnbürste. Als Elektrorasierer unerschwinglich waren und der Nassrasierer ohnehin besser. Die kleine mechanische Reiseschreibmaschine mit  Reservefarbband sowie Papier -  alles steckdosenunabhängig.
Ich leide unter Nostalgie. Am meisten vermisse ich einen Menschen. Aber wenn der, sie, hier wäre, mit elektrischer Zahnbürste, Laptop, ständig durstigem Handy – dann wäre die Steckdosennot noch größer.

Deshalb Nostalgie-Anfälle, Heimwehstimmung. Weil es zuhause Menschen gibt, die alle Hotelkontaktmöglichkeiten völlig überflüssig machen. Und es gibt zuhause allüberall  Steckdosen. Und DVDs mit alten Filmen, in denen nichts darin vorkommt, wofür ich heute die vielen Steckdosen brauche. Die DVD-Serie  heißt übrigens so: NOSTALGIE.



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Prof.Dr.Decker-Voigt@t-online.de

 
07. Januar 2020