Geflügelzucht, deutsche Dichtung und Politiker

     

Der Begriff „Gedicht“ wurde in meinen frühen Ohren verbunden mit Pudding, Marmelade oder Kuchen. „Ein Gedicht – dieses Pflaumenmus“. Später hörte ich meine jugendlichen Tanten auch von jungen Männern als einem Gedicht sprechen. „Der Neue da im Bass, der Mann ist einfach ein Gedicht…“
Im Zusammenhang mit Geflügelzucht drängt sich der Vergleich auf: Der dichterische Einfallsreichtum von Geflügelzüchtern und die Spracharmut der (meisten) Politiker. Jetzt erhielt der deutsche Meister der Geflügelzuchtkunst Hans Jürgen Drögemüller aus Böddenstedt die „Goldene Ente“ verliehen, einen der begehrtesten Preise auf Bundesebene. Ein früherer Bericht dieser Zeitung (28. 11. 2018) legte den Grund für Überlegungen zum Zusammenhang über ich über sprachliche Beschreibungen der Drögemüllerschen Tierwelt in Bezug zu deutscher Dichtung. Lesen Sie einmal still für sich und dann laut hörbar für die Ohren die folgenden Beispiele:
Eine weiße Landente und eine blaue Ente mit weißem Latz mit perlgrau-wildfarbenen Warzenenten  und farbverwandten Bantam…
Das sind Beschreibungen der Tiere von Hans Jürgen Drögemüller oder von Joachim Becker aus dem irdischen Paradies für Geflügel in Böddenstedt oder von Christoph Piep (der Name ist allein schon verpflichtend) in Hösseringen.

 

Solch Geflügelbeschreibung be---flügelt die Phantasie, lässt Zungen-, und Mundmuskeln neue Bewegungen lernen. Solche Tiernamen sollten neue Bilderbücher für Kinder und Liebesgeschichten für Erwachsene füllen („Eine weiße Landente verliebte sich in eine blaue mit Latz und in der Enten-Disco trafen sie eine wildfarbene Warzenente, die mit einem Bantam durch das Leben watscheln will…“). Wer noch keinen Kosenamen hat - hier ist ein Füllhorn.
Nun die politische Dimension. Derzeit ist wieder eine Diskussion um die Sprache der Politiker im Gange bzw. um deren Einfallslosigkeit, deren Abstumpfen in Phrasen, deren Hilflosigkeit gegenüber wirklicher Originalität und Kreativität und der ergebnislosen  Suche nach Unterscheidung von den anderen, die dieselben Formeln nutzen (les – und diskutierbar in der ZEIT). Erfrischende Ausnahmen gibt es auch. Aber die machen die Abgestumpftheit der anderen nur noch schmerzlicher deutlich.
Politiker sollten auf Geflügelschauen gehen. Dort lernen sie Kreativität für ihr Sprechen – über bloßes Gackern und Schnattern hinaus. Sie müssen ja nicht gleich Dichter werden wie die Geflügelzüchter, die goldene Enten als Lohn erhalten. Originelle Sprach-Küken schon würden neue Wähler bringen.




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Prof.Dr.Decker-Voigt@t-online.de

 
06. August 2019