Der 8 Millimeter Hansestadt Service

     

„Eine Schraube fehlt“, sagt Christine auf der obersten Stufe der Leiter und reicht mir eines der zehn Porzellantellerchen für die alte Deckenlampe zurück. „Vielleicht Baumarkt?“
Die Schraube ist 8 mm lang und so alt wie die Lampe aus dem alten Diakonissenmutterhaus, das schon gar nicht mehr besteht.
Ich erkundige mich in der Stadt. Eisenwarenhandlung. „Vielleicht in Schnega, Salzwedel, diese Richtung eben. Oder versuchen Sie beim Baumarkt. Ein Fachverkäufer ist freundlich, aber zieht die Schultern hoch, breitet die Unterarme aus, so dass es keine Wörter mehr braucht.  „E i n e Schraube, eine bestimmte?“ Egal wie lang, kurz, alt, jung - leider nein. Er überweist mich wie ein Arzt, der bedauert, kein derart spezifischer Facharzt zu sein. Industriegelände. „Da sind Autowerkstätten, vielleicht die…“
Zwei Versuche mit zwei bedauernden Lächeln.
Zuletzt soll ich zu einer Firma ganz hinten links, dann rechts solange es geht. Diesmal bin ich derjenige mit den hochgezogenen Schultern und meinem Enttäuschungsprophylaxe zeigendem Unterarm, an dessen Ende ich die Schraube auf der Hand zeige.

„Vielleicht lachen Sie mich aus – oder haben den besten Service der Hansestadt. Ich suche…“ Ich zeige. 8 Millimeter. Ich sage „Jugendstillampe“. Der junge Mann schaut hin, dann auf,
 

sagt, ich möge quer über das Geländer fahren und zum Verkauf rein.

Dort wartet der noch jüngere Kollege, auch in Blaumann. Ich wiederhole alles mit zaghaft-zartblühendem Hoffnungsschimmer im Herzen. Jugendstil sagt ihm nichts. Und mir nicht, was er dann nach eingehendem Blick auf Christines fehlende Schraube sagt: „Hülsenmutter“. Dann sagt er – Eduard Klein heißt er – er wolle mal sehen und verschwindet mit der Hülsenmutter weit weg.
Es dauert und die Mitarbeiterin im Büro tröstet, ich solle mich doch umschauen, was es sonst so gibt. Ich schaue mich um und staune, was in den Kopp so reingeht. In den Kopp von Firmen und Menschen.
Herr Klein kommt zurück. Mit Vorschlägen. 10 Millimeter statt 8, aber passenden Gegenmuttern, Unterlegscheibchen wegen des Porzellans. Herr Klein stellt die Quittung aus. Euro 1, 75. Für über 20 Minuten Arbeit. Ich eile nach Hause zu Christine auf der Leiter - mit dem Wissen des Jägers um Erfolg mit seiner Beute.

PS: Schütteln wir ruhig manchmal den Kopp über das kleine Uelzen mit dem großen Namen. Aber solche Service-Erfahrung wie heute macht der Mensch in keiner anderen wirklich großen (Hanse-)Stadt. Nur in UE.



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Prof.Dr.Decker-Voigt@t-online.de

 
05. November 2019