Verschwundene Münder

     

„Das sind Bösewichter, die ihr Gesicht verstecken“, belehrte mich Großmutter vor ca. 71 Jahren.
Ich hatte ihr eines dieser handgerissenen oder mit Schere vielfach geviertelten Zeitungsblätter gezeigt, die auf der Toilette benutzt wurden. Das war das Weichste.  Auf dem war das s/w-Photo eines maskierten Mannes. Der hatte am Tag davor in Celle eine Bank ausrauben wollen. Was nicht klappte. Festnahme. Alles Bösewichter. Die mit Maske. 
Später im Lateinunterricht bei Dr. Erasmus: „Die Schauspieler im alten Theater spielten unter freiem Himmel.“ Er ließ uns im Lehrbuch die Seite mit einem Amphitheater des alten Rom aufschlagen. „Sie trugen Masken. Durch die hindurch sprachen sie auf ihrer Bühne.“ Dann las Dr. Erasmus mit seiner Stimme sterbenslangweilige Lehrbuchsätze ab, aber gab mit seiner Stimme Butter bei die Fische. Die Stimme klang böse, freundlich, leise, laut, giftig oder werbend.
„Die Masken zeigten die Charaktere, die die Schauspieler spielen sollten. Der Stimmklang machte die Musik.“

Hinter den Masken also keine Bösewichter. Künstler sogar.

Dann erklärte er, wie das Sprechen hinter einer Maske hieße:

 

Per - sonare. Hindurch tönen. „Unser Begriff `Persönlichkeit` kommt daher. Der beschreibt  jemanden mit Ausstrahlung. Masken in Fasnacht-Zeiten hingegen seien dazu da, sich dahinter zu verstecken. Jemand anders zu sein. Im Spiel, im Spaß.“
Nun sind wir Maskenträger. Gesetzlich verordnet: mundlos.
Wir sehen sie jetzt nicht mehr, die uns so viel sagen: die Münder. Die offenen, halboffenen, die weichen, voll- und schmallippigen, die harten, verkniffenen, lachenden und sich schließenden Lippen, Lippen, die Sexualität assoziieren…Dazu brauchte man nicht erst Sigmund Freud mit seiner Traumdeutung.
Wir sehen sie nicht mehr: Lippen, die lachen. Oder auslachen. Oder schönste Nähe lächeln.
Unsere Lippen haben jetzt Vorhänge, die sie verbergen.  Das versteckte Schauen oder das schamlose Starren auf die Lippen, mit dem Mann und Frau mehr oder weniger gut erzogen Kontakt aufnehmen -  geht nicht mehr. Nichts geht mehr. Rien ne va plus.

Dafür ist es jetzt wie im antiken Theater im Lehrbuch: Wir wetteifern mit den schönsten Masken! Und – wir können ungeniert auf die Gegend im Gesicht des Gegenübers schauen, wo wir den Mund vermuten sowie die Stimme klingen lassen, wenn wir die Maskenkünste studieren. Bewundernd – oder gar nicht.



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Prof.Dr.Decker-Voigt@t-online.de

 
05. Mai 2020