Nach Sturm ist vor Sturm

     

„Immerhinque“, schloss Onkel Wilhelm seine Reden, wenn nicht viel, nur wenig zu machen war. Wie jetzt nach dem Wochenendsturm.
Immer nach Stürmen gerät der Mensch – kurzfristig – ins Grübeln und denkt. Denkt nach und vor. Dabei ist es gleichgültig, ob die Stürme selbst gemachte sind (militärische Kriege der Nationen oder private Kriege der Familien). Oder Stürme, für die wir nicht so unmittelbar verantwortlich sind wie die der Natur. Und die wir folgerichtig und ungewöhnlich fromm und einsichtig, sozusagen respektvoll, als „höhere Gewalten“ bezeichnen. Obwohl - die Stürme mehren sich, die wir als Klimaverbrecher machen.
Bei diesem Grübeln nach dem Sturm kommen dann Weisheiten heraus. Volksweisheiten. Die Psychologie sortiert sie als „Erfahrungspsychologie“.
 
Unsere selbst gemachten emotionalen Stürme – z.B. bei Wahlen - schlagen sich dann nieder  im „Nach der Wahl ist vor der Wahl“. Oder die bei einem Fußballsieg das Kürzel „Nach dem Spiel ist vor dem Spiel“.
Die Reihe wäre endlos fortzusetzen: Nach dem Abschied ist vor dem Abschied. Nach dem Sex ist vor dem Sex. Oder die aus TV bekannten Vorher-Nachher Schönheitsbehandlungen.

Bei Windsturm wie jetzt gewesen befinden wir uns in Gesetzmäßigkeiten der Natur und nach diesen richtet sich auch das Auf und Ab der menschlichen Seele, nach dem Kinder leben („Heile, Heile Segen, sieben Tage Regen, sieben Tage Sonnenschein…“).
 

Und Erwachsene ebenso, nur mit einer Macher-Sicht auf die Dinge, die auf uns zukommen.

Die meisten dieser „Vor-Nach“ –Spielereien bergen einen Auftrag in sich: Etwas zu tun. Der Politiker nach der Wahl hat die nächste vorzubereiten und seine Wahlversprechen möglichst zu toppen. Der Trainer trainiert seine Sportler für den nächsten Sieg. Der Küstenschutz erhöht die Dämme. Im Binnenland werden begradigte Flüsse wieder krumm.
Was machen wir nach dem letzten Sturm? Versicherungspolicen überprüfen? Prämien erhöhen, damit beim nächsten Sturmtief mehr abgesichert ist? Zum Baumarkt flitzen, um selbst Hand anzulegen an die höhere Gewalt?
Wetterliche Phänomene werden alphabetisch getauft – eine menschliche Maßnahme, das Unzubändigende durch eine Namensgebung zu bändigen. Sogar in weiblich und männlich teilen wir sie ein. Differentialdiagnostik in der Sturmwelt.
Beten bietet sich auch an als Aktivität nach dem Sturm („Vor Feuer, Angst und Wassersnot – behüt uns heint, oh Herre Gott“). Oder – gar nichts tun. Nach dem Motto: „S` kömmt wie`s kömmt.“

Ich? Ich gehöre zu denen, die über Sturm nachdenken. Nach dem Sturm. Und vorzudenken versuchen, welcher Sorte unter den vielen Stürmen ich mit Vorbereitung begegnen kann. Es sind zwar wenige, „aber immerhinque“ wie Onkel Wilhelm immer sagte, wenn nur wenig zu machen war.



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Prof.Dr.Decker-Voigt@t-online.de

 
01. Oktober 2019