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Udo Lindenberg und die Kirchenmusik

Das zeigt schon Größe! Erst muss der Kreiskantor Erik Matz sein Weihnachtsoratorium in St. Marien absagen, will sagen, das von J.S. Bach – und dann formuliert er ohne Bitterkeit in dieser Zeitung einen Appell zum Singen. Von dem Udo Lindenberg bereits sagte, für wie wichtig er Singen halte „und sei es in einem Kirchenchor“.

Erik Matz arbeitet in seinem Plädoyer das Gemeinschaftsgefühl, die soziale Nähe und vieles mehr heraus und wirbt für das früher so selbstverständliche Singen im Familienkreis.  Nebenbei meint Matz, dass die Betrachtung des Singens aus wissenschaftlicher Seite andere machen könnten.

Mach ich hier. Jedenfalls ein bisschen:

Psychologie und Musikpsychologie beschreiben den „Appellwert“ der menschlichen Stimme, die durch kein anderes natürliches oder mechanisches oder digitales Instrument übertreffbar ist. Beispielszene:

Tante Uschi wartet am Bahnsteig auf ihren Leo im einfahrenden Zug. Mit ihm warten andere, um zu reisen oder jemanden abzuholen. Der Zug fährt ein, entleert sich und der Bahnsteig ist proppenvoll. Und laut! Da entdeckt Uschi ihren Leo weit hinten unter den vielen anderen und ruft nicht, wie viele andere jetzt rufen. Nein, Uschi singt: „Leo! Leooo!“  Und nicht nur ihr Leo dreht sich nach Uschi um, da drehen sich die meisten Menschen um. Das beschreibt den allerhöchsten „Appellwert“ der menschlichen Stimme.

Eine andere Perspektive (der Medizin): Singen stimuliert die Ausschüttung des Bindungshormons Oxytocin. Das allein schon begründet das Phänomen des Singens als „sozialen Kitt“. Singen setzt die Produktion der Endorphine in Gang und das Belohnungssystem in unserem Gehirn sowie im Hypothalamus und schüttet Beta-Endorphine aus (kennen wir: „Glückshormone“).

Reichts? Noch nicht? Zu den Beta-Endorphinen kommen hinzu Serotonin und Noradrenalin und alles zusammen lässt unsere Stresshormone wie Adrenalin und Kortisol schwächer werden, stärkt dagegen die Immunabwehr.

Oder noch ein bisschen Konfliktlösungpsychologie: Singen weckt physische Reserven und kann so als optimale Umgangs-Strategie in angstbesetzten und bedrohlichen Situationen wirken.

Sozialwissenschaft gefällig? Singen manipuliert uns in alle Richtungen. Gute, böse, kriminelle. Deshalb verschwand es jahrelang aus der Gesellschaft. Vor lauter Angst vor der Macht des Singens, also auch deren Missbrauch.

Singen - ein Phänomen? Es ist ein inzwischen erklärbareres Phänomen. Aber:  Neben all unseren Forschungen und Erklärungen ist es für die, die in unserem Kulturkreis singen – ein Geschenk. Zu dem hin sollten wir unsere Kinder begleiten, wenn die Wellen ausreichend ausgeschwappt sind, möglichst in einen Chor hinein. Und sei es  – siehe Udo Lindenberg – ein Kirchenchor.

Es ist für uns eine Zeit angekommen…für`s Singen zuhause.

07. Dezember 2021