Was ist ein Original…?

     

Wenn Georg Lipinsky oder Picasso ein Bild malen und dies vielfach  abgedruckt wird, dann gibt es nur ein Original, welches echt ist.  Je nach Prominenz seines Schöpfers gibt es dann noch mehr oder weniger gefälschte Originale. Das alles trifft auch auf Texte zu, auf Gedichte, Musik-Partituren, Tagebücher (wobei dasjenige von Herrn Kujau, der die Tagebücher Adolf Hitlers gefälscht hatte, dann augenblicklich ein Original wurde, als klar war, daß es von Hitler kein Original gab).
Was aber meinen wir, wenn wir von einem Menschen sagen, er sei ein Original? Oder eines gewesen?
Nahezu in allen Presseberichten über den Tod von Uelzens Schamanen Reinhard Schamuhn war es zu lesen, in nahezu allen Redebeiträgen zu hören: Ein Original ist gestorben mit ihm. Und weiter, daß nun die Zeit für die Stadt gekommen sei, wo ihre Originale ausstarben. Es sei denn, die kreative Kinobetreiberin Renate Böhm oder der Maler Georg Lipinsky leben noch lange (mögen sie – ad multos annos!).
Reinhard Schamuhn war eines, aber warum? Nun bloß kein weiterer Nachruf! Wiederholungen würden für den Schamanen Uelzens, der über unchristliche Wolkenhimmelränder zu uns herab schaut oder in Tierform unerkannt verwandelt unter uns stolziert (z.B. als Huhn), ärgern, ihn sich mißverstanden fühlen lassen.

 

Aber philosophisch– wann wird ein Mensch ein Original?

Anders als in Justiz, Biologie und erst recht Psychologie, in denen jeder Mensch einzigartig und deshalb zu würdigen ist, sprechen wir von einem Original erst dann, wenn ein Mensch seine Einzigartigkeit z e i g t und nicht nur rechtlich und psychologisch h a t,
wenn ein Mensch Grenzen überschreitet, ohne andere dabei (allzusehr) zu verletzen,
wenn ein Mensch Überraschungen in seinem Verhalten parat hält und hervorzaubert, die imponderabil, nicht vorhersehbar sind für uns Nicht-Originale,
wenn ein Mensch nicht oder nur mangelhaft nachgemacht, nachgeahmt, imitiert werden kann. Kurz: Ein Original ist eines, das mit bestehenden Kriterien nicht bewertbar ist.
Wir haben gerade drei Germanisten zu Besuch, die mit nachdachten: Manuel, Viktoria und Friederike. Aus deren Kreis kam die Erinnerung an Goethes „Sturm und Drang“. Da wird von „Original Genie“ gesprochen.
Geniehaftes gab es in Reinhard Schamuhn: Geniales, das bekanntlich im eigenen Umfeld zunächst verlacht, verhöhnt, mit Häme überschüttet wird – um nach seinem Tod in bürgerlicher Weise verbale Verdienstorden an die Hühnerbrust geheftet zu bekommen.




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Prof.Dr.Decker-Voigt@t-online.de

 
30. Juli 2013