Erinnerungen an heute
Hans-Helmut Decker-Voigts Kolumne erscheint alle zwei Wochen in der Uelzer Allgemeinen Zeitung. Hier an dieser Stelle wird es ein- oder zweimal im Monat eine neue Veröffentlichung geben.
Fußballphilosophie

Mein Großvater Wilhelm verachtete Fußball. Überhaupt alle Technik außerhalb der Technik des Denkens. Mein Vetter Sebastian wurde als Ausgleich Fußballreporter. Ich versuche meinen Ausgleich zu Großvaters Sport-Ignoranz hier.
Zu Großvaters Zeiten hieß er "König". König Fußball. Heutzutage hat er Gott-Größe erreicht, ab 9.6. zeigt er sich weltweit auf unserer runden, gelassenen Mutter Erde, deren Symbol der Ball ohnehin schon immer war. Genauer: Es ist nicht der Ball, den wir zum König und heute gottähnlich gemacht haben, sondern derjenige, der mit ihm siegt. Derjenige Spieler, der ihn so kunstvoll tritt, dass er siegt, wird zu einer Gotthöhe erhoben wie wir es mit den Sean Conneries und Julia Roberts unter den Schauspielern nie machen, mit den Anne-Sophie Müttern und Brian Adams unter den Musikern nicht und schon gar nicht mit den Politikern. Es gab durchaus Zeiten, in denen wir (und andere vergangenen und heutigen Völker) unsere politischen Führer gottähnlich machten. Mit denen jedoch scheiterten und scheitern wir durchweg im Jammer. Deshalb üben wir uns in sowohl führungsarmer als auch religionsneutraler Demokratie, die uns die alten Götter nahm.
Der Ersatz, die neuen Götter sind der Sport und seine Größten. Der allergrößte ist der Fußball, der uns als Volkssport alle erreicht - im Gegensatz zu den kleineren, weil elitäreren Göttern des Reitsports, des Tennis. Sogar Formel 1 mit seinen Schumacher-Meistern verblasst hinter unserer Elf, die die übrigen Elfen dieser Erde besiegen könnte.
Einige Gründe für die Gotterhebung und Gottnähe ab 9.6., dem WM-Beginn, der ja auch ohne Sieg über die ganze Welt "unsere WM" ist:
Der Sport ist Kampf und Rivalität wie alles Leben,. Aber es ist der einzige Kampf, bei dem die Kampfzeit begrenzt ist.

 Und während derer die Regeln weltweit und medial weltkontrolliert streng eingehalten werden. Sport ist die einzige Rivalität, die offiziell Fairness fordert. So denkt keine Konzernspitze (mehr).
Sport und an erster Stelle Massen-Sport wie unser Fußballspiel kultiviert als einziger Niederlage und Sieg, bei dem der Unterlegene verschwindet hinter dem obersten Sieger. Als Zweiter geehrt zu werden heißt eigentlich nur: Die Pflicht-Ehre des Mitspielers zu bekommen, der zu Anfang noch die Chance des Siegers hatte. In der Politik gewinnt der Unterlegene immerhin in der Opposition einen verfassungsmäßigen gleichen Rang wie die Regierung und bekommt (fast) dasselbe Geld wie sie.
Die antike Vorstellung von Glück war der "Sieg". Denn Zwischenmenschliches ist immer in Gefahr, destruktiv zu werden. Ein fair gewonnener Kampf nie. Im Sport ist gewonnene Rivalität Trumpf und der darf offiziell genossen werden als Ruhm und Ehre. Ruhm und Ehre dürfen im Sport sogar von uns Deutschen gefühlt, genossen werden, die wir sonst diese beiden Begriffe - zeigt bereits der preußische Offizier von Clausewitz vor knapp 200 Jahren - negativ besetzen mit Ruhm-Sucht und Ehr-Geiz. Das "Wunder von Bern" zeigte dieses Glück, Ruhm und Ehre fühlen zu dürfen - inmitten der Scham nach 1945.
Deshalb ist der siegende Fußballer inzwischen mehr als König, ein Gott: An ihn dürfen wir uns hängen mit unserer Sehnsucht danach, was sonst verboten ist und diese Gefühle loslassen, die wir im Alltag unterdrücken. In den Stadien dürfen wir sie ausbrüllen, in denen wir ab 9.6. sitzen und mindestens bis zur Niederlage die Möglichkeit des Siegs an unsere Fußballgötter heften. Mit ihrer hohen Kunst des Balltretens, gegen die mein Großvater so wetterte, weil er nicht nachgedacht hatte, für was der Ball Symbol ist.

(30. Mai 2006)

Den Autor erreichen Sie unter: Prof.Dr.Decker-Voigt@t-online.de