Gutes

     

Es gibt wirklich Leute, die Weihnachten so lieben, dass sie es immer mal zwischendurch im Jahresablauf feiern. Einen kenne ich, der deckt sich mit den Resten vom letzten ein für sein nächstes Weihnachtsfest. Im März. Ein Fanatiker ist das eben (fanaticus=lat.=besessen, wie die Mutter vom Wachtmeisterin „Um Himmels Willen, die jeden Abend ihren Tannenbaum anzündet und „Stille Nacht, Heilige Nacht singt). Es gibt die Fanatiker eben häufiger in der Wirklichkeit als im Film.
In Verbindung mit error=lat.= Irrtum ist ein solcher Weihnachts- oder Neujahrsfanatiker ein „Irrer“, ein dauerhaft Irrender. Heute traf ich einen Neujahrsfanatiker. Er begrüßte mich so: „Ich wünsche Ihnen viele gute der noch verbleibenden Tage im Neuen Jahr!“ (351 waren es an diesem Heute). Mannomann, braucht sowas Zeit, das anzuhören! 12 Wörter plus Zahl.
Ich frage, wie lange er das so macht? „Oh – bis Ende Januar, dann ist das neue Jahr kein Baby mehr.“ Er grüßt dann am 31. Januar 2016 also mit „noch 335 gute Tage im Neuen Jahr“ (Achtung, er hat recht mit der Zahl, Schaltjahr!).
Das zu lange Jahr 2016 und der Neujahrsfanatiker erinnern mein Ohr daran, dass Neujahrswünsche immer kürzer daherkommen. „Frohes Neues Jahr“ hören meine Ohren seltener als „Frohes Neues!“

 

Neues haben wir doch immerzu vor uns, sekündlich, minütlich, stündlich, täglich, lebenslänglich. „Frohes Neues“ wäre also ein schöner täglicher Wunsch im Sinne von „Guten Tag“.

Es ging noch kürzer und war auch nicht selten - je länger der Januar andauert: „Gutes…“ hört mein Ohr und mein Auge sieht dabei jenes aufmunternde oder süffisante Lächeln des Wünschenden, dass ich ihm doch sicher die Zeit erspare, die der lange Wunsch mit drei Wörtern brauchen würde.
Der Neujahrsfanatiker mit seiner Rechnerei bis Ende Januar lebt vielleicht nur einen unbewussten Protest gegen die Verkürzungswelle aufgrund von Faulheit oder aber wegen unbewussten Widerstands gegen jeden Neujahrswunsch, denn der ist - zugegeben – ein obligatorischer, also gesellschaftlich erzwungener Wunsch. „Frohes Neues Jahr“. Nichts dagegen hätte ich, wenn die Verkürzungswelle dazu führen sollte, dass wir uns immer bei jedem neuen Wiedersehen und Abschied  nur ein Wort wünschen: Gutes!
Dessen allem ungeachtet:  Auf Neujahrsempfängen wie denen der Äbtissin, Altäbtissin und Damen und deren Freundeskreis in Kloster Medingen klingen die Wünsche noch verlässlich und komplett: Frohes Neues Jahr – trotz fortgeschrittenem Januar!




Den Autor erreichen Sie unter:

Prof.Dr.Decker-Voigt@t-online.de

 
19. Januar 2016