Bettgelächter

     

Alexander ließ mich über den nachbarschaftlichen Gartenzaun an einem Schlafzimmerproblem teilhaben, das ich so in dieser therapiebedürftigen Form noch nie in meiner Praxis hatte:

„Sie lacht mir seit den Ferien zu viel,“ klagte Alexander,“ sie ist so laut im Bett geworden.“ Und deutete kurz an, wie sehr er das gemeinsame Lesen, sie in ihrem Buch, er in seinem, die sich ausbreitende Zeitlosigkeit und das kleine Bettgeflüster vor dem Einschlafen so geliebt habe und daher jetzt vermisse.

Ich erkundigte mich, in was und wodurch möglicherweise die Ferien der beiden so anders gewesen wären, welche neuen Einflüsse usw. – denn ich erinnerte Alexander und seine Frau die Jahre über immer sehr erholt und zufrieden mit sich und der Welt zurückkehrend. Aber die Einflüsse, die ich so dachte, waren es nicht.

„Es ist dies Buch,“ kam es aus Alexander heraus, „sie hatte es sich gewünscht und ich habe es ihr für die letzte Ferienwoche geschenkt – das war der Fehler!“ Ein Buch war das Aus für die bisherige flüsternde zweisame Einsamkeit der Beiden im Bett hinter ihren Büchern.

Denn Alexanders Buchgeschenk, dieser Autor dieses dicken Buches (Taschenbuch, Dünndruck) lasse sie laut werden. Plötzliches lautes Prusten, dann wieder Stille, dann backfischaftes Gekicher. Nun ja, am Anfang habe er sich gefreut über den Erfolg, den sein Geschenk bei ihr habe und noch aus Neugier nachgefragt und um Vorlesen der Stelle in dem Buch gebeten.
 

Dann aber verringerten sich die zeitlichen Abstände ihres vergnügten Grunzens oder jähen plötzlichen Lautlachens und interrupierten seine eigene meditative innere Lese-Stille neben ihr und die brauche er für seinen Tagesschluß (Alexander meditiert gern über chinesischen, indischen, christlichen, jüdischen, indianischen u.a. Weisheitsbüchern).

Ich hielt mich zurück mit der Bemerkung, daß ich störendere Interrupti im Bett kenne als Lachen, Kichern oder Glucksen nebenan und machte den Fehler eines Ratschlags. Ob Alexander nicht dieses offenbar ja sehr lesenswerte Buch mit ihr zusammen - - ? Auch vielleicht abwechselnd einander vorlesen - - ?

Doch Alexander winkte entsetzt ab: Das sei nur der erste Band von drei Bänden in einem Schuber gewesen, insgesamat ca. 3300 Seiten – also bitte, ja, das dauere mit Lesen schon bis Weihnachten und Vorlesen dann bis zu den nächsten großen Ferien.

Ich fragte sicherheitshalber direkt, ob er außer der Stille im Bett noch etwas vermisse (schließlich vergessen wir Menschen vor TV und DVD-Filmen oft das Wichtigste, warum nicht auch bei Büchern im Bett), aber das war es nicht.

Ach so – das Buch wolle ich wissen? Er nannte es mir. (Ich werde es gleich nachher bestellen, um das mit dem Bettgelächter einmal auszuprobieren.)




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Prof.Dr.Decker-Voigt@t-online.de

 
10. August 2010