Erinnerungen an heute
Hans-Helmut Decker-Voigts Kolumne erscheint alle zwei Wochen in der Uelzer Allgemeinen Zeitung. Hier an dieser Stelle wird es ein- oder zweimal im Monat eine neue Veröffentlichung geben.
Tausendwasser

Also mal ehrlich…" Solch Anfang besagt, dass das vorher Gesagte nicht ehrlich war. Und ich gebe zu: Ich war skeptisch, als jene winzige Gruppe jene riesige Bahnhofsidee mit dem wunderbaren Farb-, Form- und Malergenie Hundertwasser durch diese Zeitung das Licht der Öffentlichkeit erblicken ließ. Doch es ging mir wie dem Journalisten Thilo Koch mit dem Berliner Sechstagerennen. Der war auch skeptisch und zwar gegenüber jeder Euphorie. Besonders der bei Massenveranstaltungen wie Fußball und Wettrennen. Um darüber kritisch zu schreiben, ging er zum Sechstagerennen und wachte in einer Unfallstation wieder auf. Denn nach weniger als einer halben Stunde Präsenz im begeistert tobenden Stadion stand Thilo Koch mitbrüllend, mitschreiend, anfeuernd oben auf seinem Stuhl - so lange bis sein Kreislauf und er selbst zusammensackten. Denn was hat der Bahnhof nun mit dem Musical für eine Wirkung? Eine begeisternde! Schon das Lesen der Zeitungen, auf meine Ferieninsel nachgeschickt, steigerte mein Mitfiebern mit der Musical-Aufführung, was sage ich, "Ur" sogar, nein "Welt-Ur" gar. Das Lesen vom Lampenfieber der Darsteller steigerte erhöhte mitfühlende Temperatur zum Mitfieber. Und jetzt die erlösenden Berichte von der Aufführung. Der Erfolg des Hundertwasser-Lehmann-Wecker-Rettberg-Weber-Uelzener-Musicals ist ein Folge-Erfolg der Bahnhofsideengeber und ich gratuliere erleichtert dazu. Jene paar Blättchen (z.B. die aus Hamburg) mit Kritikastermeinung schreiben vom Neid getrieben. Denn jetzt sind wir oben. Die bisher dreifach garantierte Nennung von Celle in der ganzen deutschen Welt (wenn jemand aus dem Kittchen dort abhaut, wenn

Hengstparade ist oder das OLG ein wichtiges Urteil fällt) haben wir überholt. Jetzt müssen wir nicht mehr zurückgreifen auf Herzog Ernsts Geburt bei seiner Durchfahrt durch Uelzen. Müssen nicht mehr St. Marien's Kirchenschönheit anpreisen, wo doch jedes Dorf seine Kirche hat. Müssen nicht mehr erinnern, dass Hans Falladas Vater mal in Uelzen Praktikum machte… jetzt sind wir wirklich wer. Ich wünsche der 1. Musical-Spielzeit Kinderschwemme, ich wünsche überall, dass Uelzen mit Warteschlangen-Gerüchteküchen, mit inflationären Schwarzmarktkaufpreisen für nie mehr mögliche Restkarten, mit Sardinenbüchsen-Drängelei assoziiert wird. So wie Bach Meer heißen sollte, sollten wir den bescheidenen Hundertwasser Tausendwasser nennen und jene Gesangbuchstrophe erlaubt blasphemisch umdichten: Tausend, tausend Mal sei Dir, Hundertwasser Dank dafür! Doch jetzt wirkt eine winzige neue Skepsis: Auf die Dauer wäre es tragisch, wenn sie zugedeckelt würden von Hundertwasser: Die Stories von Herzog Ernst's Geburt, von Falladas Papa in Uelzen, die Kirchenschönheit St. Mariens und die bildende Eleganz Schloss Holdenstedts, die Werke unserer heimischen Künstler aller Musen, unser Rüben- und Kartoffelstolz, unsere Schnucken und Schafe und Honigsorten und vor allem unser karger Ostheide-Charme sollten überleben dürfen. Das ist alles Kernprofil. Hundertwasser Beitrag. Doch ich baue auf jenen Nobelpreisträger, der die Synergie-Forschung anleierte: Die Hundertwasser-Fans werden immer länger bleiben als zum Bahnhofs-Sichten und Musical-Hören und uns kennen und lieben lernen. Und wenn nicht, dann werden sie uns kennenlernen!

(10. August 2004)