Erinnerungen an heute
Hans-Helmut Decker-Voigts Kolumne erscheint alle zwei Wochen in der Uelzer Allgemeinen Zeitung. Hier an dieser Stelle wird es ein- oder zweimal im Monat eine neue Veröffentlichung geben.
Stehn`bequem!

Die wichtigsten Folgen eines Kongresses ergeben sich meist während der Pausen auf Toiletten.
Ich war auf dem Weg zu meinem Konferenzraum und eilig, weil verspätet. Eben weil mich jemand Wichtiges auf der Toilette etwas Wichtiges gefragt hatte. Trotzdem stoppte ich, als ich an der großen, breiten Fensterfront eines anderen Konferenzraumes vorüberwollte. Denn da sprach einer vorne am Pult - und die ca. 200 Zuhörer vor ihm standen aufrecht.Wie zu einem Gebet. Oder zu einem Schwur. Oder zu standing ovations. Aber zu all dem braucht man die Hände. Zum Beten, zum Schwören wie zum Klatschen. Die da hinter dem Fensterglas hörten entweder nur zu. Oder sie schrieben auf ihren Notizblöcken etwas mit, was der Referent (rote Haare hatte er, eher rot als henna) sagte. Sie schrieben im Stehen mit…
Ich stürmte weiter, hielt mein Referat, hörte zwei andere und ging in die Pause. Auf der Toilette stand er, der rothaarige Kollege und ich fragte ihn nach dem rätselhaften Stehen seiner Zuhörer. Nein, er war kein Geistlicher, der im Rahmenprogramm Gebete oder ein Animateur, der isometrische Übungen für verspannte Tagungsteilnehmer anbot. Was das Stehen erklärt hätte. Er war Arzt und Forscher und Leiter einer skandinavischen Weiterbildung für Betriebsärzte. Und hatte in seinen Forschungen zusammen mit Physiologen und Ergonomen und vielen anderen -logen und -nomen herausgefunden, wie viel wacher zuhörende Menschen in einem Vortrag sind, wenn sie alle 10

 Minuten aufstehen, um 3 Minuten zu stehen! Mein Toilettennachbar nannte kurz Daten, wie viel schneller die Hirnelektrizität fließt (= Konzentration), wie viel langsamer und geringer Muskelverspannungen einsetzten - wenn zuhörende Menschen beim Vortrag Sitzen und Stehen abwechseln. Kaum habe er seine Forschungen veröffentlicht - da begann IKEA seine Mitarbeiterkonferenzen im Wechsel von Sitzen und Stehen abzuhalten. Voller Erfolg! Zuletzt seien zwei Ministerien komplett dazugekommen, die auf allen Ebenen ihre Beprechungen ebenso handhaben: 10 Minuten Sitzen und nach einem Gongschlag (vom PC) 3 Minuten Stehen! Die vielen weiteren medizinischen Vorteile dieser seit Jahren praktizierten Arbeitsweise hätten natürlich zu mehr Vitalität in der Besprechungs-und Konferenz-und meeting-Kultur geführt. Und - aber ja! - zu einem verringerten Krankenstand. 15 % davon sind auf Folgen zu langen Sitzens rückführbar. Stehen also steigert den Umsatz.
Natürlicherweise fehlen noch die Organisationen, in denen am meisten gesessen wird: Schulwesen und Kirchen. Aber die seien immer schon die schwerfälligsten. Mit Ausnahme der in Skandinavien wenigen Katholiken. Deren Gottesdienste sind ohnehin gesünder als die evangelischen mit dem häufigeren Wechsel von Sitz und Stand und sogar Hinknieen.
Was für ein Jammer, dass sich Ulla Schmidt und Angela Merkel nicht auf solchen Kongreß wie mit dem rothaarigen Kollegen begeben. Und selbst wenn - sie würden den Rothaarigen nie auf der Toilette treffen.

(04. April 2006)

Den Autor erreichen Sie unter: Prof.Dr.Decker-Voigt@t-online.de