Die Macht letzter Wörter

     

Der Wunsch nach „gutem Rutsch“ war natürlich gut gemeint, aber er schlägt auch hier und da in sein Gegenteil um. So auch alle Jahre wieder. Bzw. gerade eben wieder am Ende des letzten. Da sind einige dort und dorthin ausgerutscht, wohin der Wunsch gar nicht zielte, und schon gar nicht die, denen der Wunsch galt.
Auch wenn wir`s manchmal nicht mehr hören können mit dem „wissenschaftlich erwiesen“, aber es ist (wissenschaftlich) erwiesen: „Letzte Wörter“ haben eine besondere Macht, weil sie als letztes in den neuronalen Netzen hängenbleiben, als letztes weitergeleitet und dann in Reaktion, in Handeln umgesetzt werden.
„Pass beim Abdecken mit dem Geschirr auf – es ist Omas wertvollstes Erbe, dass es nicht runterfällt…“ Was passiert wahrscheinlicher, als dass es nicht runterfällt? Eben. Es fällt. Die Macht des letztes Wortes.
„Die unterste Treppenstufe ist etwas niedriger als die anderen und deshalb gefährlich…nicht stürzen!“ Was passierte eher, als dass es nicht passiert? Ebendrum.
„Eure Ehe ist wahrlich nicht schlecht…“ Während des Abends, an dem einer der Redner den Dank an unser Gastgeberpaar sagte – es strahlte auch eine ganze Stunde, das Traumpaar – hörte ich es dann schon. Dass sie sich im neuen Jahr trennen würden. Gut, das Beispiel hinkt, weil

 

keine Ehe auf ein einzelnes letztes machtvolles Wort hin scheitert. Aber sicher gab es in dieser Ehe zu wenig positive Machtwörter…

Es gab bei diesem Übergang von 2016 zu 2017 kein Glatteis oder keinen Schneematsch bei uns. Aber jede Menge Wünsche „Guten Rutsch“. Und da ich jemand bin, der versucht, genau zuzuhören, was mir jemand sagt oder sogar hinter mir her ruft, „Guten Rutsch“ nämlich  – in diesem Fall oben beim Heraustreten aus einem Fahrstuhl am 29. 12. – wirkte die Macht des letzten Wortes und ich rutschte auf dem frischgewischten Metallboden vor dem Fahrstuhl aus und schlug hin. Nicht schlimm. Ich habe Fallen und Aufstehen gelernt. Aber die Lehre war ausreichend, um jedenfalls mir in diesem Jahr den Wunsch einmal mehr zu verbieten, an seinem Ende diesen gefährdenden Wunsch zu äußern.

„Gutes neues…“ ist zwar auch nicht kreativer, aber weniger gefährlich. Daher den Wunsch vorsichtig formulieren. Etwa so:  „Ich wünsche Ihnen möglichst  viele, also den gegenwärtigen Umständen entsprechend, gute Tage! Und reichlich  Ausgleich für die nicht so guten, also die schlechten…nein!“ Nein! Hoffentlich haben sie die letzten Worte nicht gelesen.



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Prof.Dr.Decker-Voigt@t-online.de

 
03. Januar 2017