Opal

Christine und ich segeln derzeit durch die dänische Inselwelt und zwischen Lohals auf Langeland und Kerteminde auf Fünen war Onkel Marius an Bord. Wir hatten ihm einen Tag auf See zum 75. Geburtstag geschenkt. War es die für einen eingefleischten Heidjer wie Onkel Marius ungewohnte Weite des Meeres, die ihn in die Weite seiner langen Vergangenheit entführte und wir eine bisher geheim gehaltene Geschichte von ihm über ihn erfuhren. War es für sein immerhin 75 Jahre altes Gewissen nötig, sich zu entlasten. Onkel Marius war schließlich Pastor gewesen und hatte schon von Berufswegen sein Gewissen zu dauerkultivieren versucht. War seine im vor- sichtigen Flüsterton erzählte Geschichte sozusagen Beichte früher Sünden auf hoher See, wo die Erde, auf der man am meisten sündigt, weit weg scheint? Seine Geschichte - wir fuhren auf der Höhe von Vresens Langesund - hing immerhin mit einem Intimprojekt der Nylonstrumpffirma Opal zusammen. Und deren geschäftliche Verbindung zu Onkel Marius. (Die Erwähnung der Insel Vresens Langesund ist hier psychologisch nicht seemännisch wichtig). Ganz genau genommen führte uns der Bericht von Onkel Marius an den letzten Aufsatz eines neuen Strumpftyps heran, für den die Weltfirma Opal in den sechziger Jahren einen Werbeslogan suchte und öffentlich ausschrieb. Dieser Strumpfabschnitt weit oberhalb des Knies und der letzte vor jener blanken Hautfläche (Onkel Marius vermied das Wort „nackt"), der früher von den geliebten Strapser überbrückt wurde, später nur noch von deren praktischen Nachfolgern, war das Zentrum. Für diese letzte Strumpfstrecke also um es deutlicher zu sagen als Onkel Marius, der schließlich Pastor im Ruhestand ist - die also den Oberschenkel langsam aber sicher auf der Rückseite in den Po und auf der Vorderseite in etwas Spannenderes Überleitet, suchte Opal besagten Werbeslogan. „Opal" war übrigens auf dieser letzten Strumpfstrecke unüberlesbar eingedruckt. Ähnlich wie für Rathaustpen, Platzbepflanzungen und Bäder Namen öffentlich gesucht werden, suchte Opal eben einen Spruch. Allerdings für einen wesentlich spannen- deren Platz als es ein Rathaus oder sonstiger Platz je sein kann. Onkel Marius, damals jung und gesellenhafter Assistent in einer Kirchenbehörde, beteiligte sich an diesem Wettbewerb „nur aus Jux und Dollerei," wie uns Onkel Marius bedrückt mitteilte. Und gewann den 1. Preis, sein Sieger-Spruch: „Hast du erst Opal gelesen - bist du schon nah dran gewesen..." Onkel Marius bekam einen Haufen Geld. Fast genug für sein erstes Auto, eine BMW-Isetta. Und als er die für einen VW in Zahlung gab, zog sich das Sündengeld fortan durch alle weiteren Fahrzeuge. Toll fanden Christine und ich den Spruch, einfach irre gut, und noch kreativ-erotisch mehr. Wir begeisterten uns so bis zur Hafeneinfahrt nach Kerteminde, daß Onkel Marius seine Schuldgefühle im großen Belt versenkte und erlaubte, daß seine Storys hier benutzt wird. Weshalb Onkel Marius überhaupt auf die Geschichte ausgerechnet auf seinem Kurztörn mit uns kam? Weil die Form von Vresens Langesund, als wir die Seekarte gemeinsam studierten, unweigerlich an ein leicht gewinkeltes schlankes Damenbein erinnert. Sagt jedenfalls Onkel Marius.

12. August 1997