Handy-Gockel

Sie sind schon stolze Viecher, diese unsere Hähne, wenn sie in den Zeiten, als es noch anständige Misthaufen vor einem anständigen Bauernhaus gab, darauf krähten. Sie sind außerdem gar nicht gewöhnlich, unsere Hähne, sie sind „sacred animals", heilige Tiere und dürfen in Japan, was Kühe in Indien dürfen: Alles. Diese aristokratischen Hähne in Fernost sind übrigens Verwandte ersten Grades von unseren Hähnen hier. Unsere hat man einst von dort importiert und dann ungerechterweise in die Nähe und auf Misthaufen gesetzt, von wo aus sie ihren gesellschaftlichen Abstieg nahmen. Eine neue Sorte Hähne findet sich jetzt in der Menschheit, in der unter uns Männern natürlich schon immer Hähne waren. Sone und solche. Die neue Zucht nennt sich Handy-Hahn und das Handy gab ihm auch den Namen. Es ist diese Sorte Mann, die jene Errungenschaft modernster elektronischer Kommunikationstechnologie nicht mehr aus der Hand legt. Sondern wie mit einem neuen, zusätzlichen Glied an seinem Leibe lebt. Tiefenpsychologisch gesehen sind wir Männer deshalb Hähne, weil das Klingeln des Handys das bewirkt, was wir sonst nur mit Krähen, mit deutlich signifikantem Kikeriki erreichen würden: Man dreht sich um nach uns. Nun darf kein normaler Mann krähen, um auf sich aufmerksam zu machen, ohne auf Dauer nicht das Risiko einer mindestens ambulanten psychiatrischen Untersuchung einzugehen. Deshalb haben wir ja diese Handys erfunden. Handys kanalisieren unser Krähbedürfnis (Sublimierung) und legalisieren es gesellschaftlich. So war das bis vor kurzem. Aber wie immer können die gewöhnlichen Hähne mit diesem nun zweitwichtigsten Instrument unserer Männlichkeit nicht umgehen, weshalb es erste Verbote gibt: Die besseren Lokale hängen bereits Handy-Verbote für diese unerzogenen Hähne aus und Gott sei wirklich Dank! es soll auch wieder vereinzelte Gottesdienste und Konzerte geben, in denen die Dinger vorher abgeliefert werden müssen wie im Wild West die Revolver. Nur in Uelzen sind wir noch nicht der irrigen Meinung, daß ein Handy nicht nur salonfähig macht, sondern aus dem Hahn gleich einen Salonlöwen. Da sitze ich doch kürzlich im Café - habe natürlich auf mein Handy understatementhaft verzichtet und da kommt er, der Uelzener Handy-Hahn! Nein er kommt nicht einfach durch die Tür, er gockelt - mit dem Handy in der Linken, diese Linke am Ohr, in der Rechten den Diplomatenkoffer, obwohl es in Uelzen keine wirklichen Botschaften gibt. Nicht mal Honorar-Konsulate. Und das Schlimmste: Er hat noch sein Huhn dabei, ein eigentlich nettes, gut gefiedertes weibliches Wesen kam mit hereingeweht durch die Tür des Cafés. Doch der Hahn redete beim Betreten einfach weiter - mit seinem Handy, nicht mit der Dame, weswegen sie mir ihrerseits betreten vorkam. Eine unangenehmere Betretenheit als sonst bei Hennen. Der Gockel stellte die Tasche ab und versuchte aus dem Mantel zu kommen, indem er weitertelefonierte. Was nicht ging, weil man sich nicht ausziehen kann, solange die andere Hand handy-caped ist. Sein Huhn nahm ihm dafür den Mantel ab, damit er weitersprechen konnte. Sein Huhn bestellte etwas zum Trinken, damit er weiterreden konnte. Das tat er auch, sogar indem er gleichzeitig zum WC ging. Und von dort wieder zurückkam. Selbstredend redend. Ich bin sicher, daß der da unten auch telefonierte, während er - na ja.

11. März 1997